26Oktober
2013

Zäh sein?

Ich schnalle mir das Bauschild um – ein mit Leder bezogenes Polster, dass dazu gedacht ist zusätzlich zu den Pratzen Tritte und andere Körperangriffe im Training abzufangen. Heute sind wir in der morgendlichen MMA Einheit nur zu dritt, denn Emilis ist zur Zeit in Burma um sein Visa zu verlängern und Tim noch von seinem Kampf bei Pattaya Cage Wars verletzt.

So bleiben nur Josh "The Wolfman" Smith aus Neuseeland, Glenn Sparv aus Finnland und meine Wenigkeit um uns zusammen mit Trainer Dylan in die korrekte Ausführung von Körperhaken zu vertiefen. Wie lege ich möglichst viel Gewicht in einen solchen Schlag, der idealer Weise auf die Leber zielt, ohne dabei selbst das Gleichgewicht zu verlieren? Wie kann ich einen solchen Schlag möglichst einfach vorbereiten? Und wie weit setze ich meinen Fuß aus der Linie?

Alles Fragen die in langen Technikdrills in der angenehmen Morgensonne heute beanwortet werden. Die Müdigkeit die mir ins Gesicht geschrieben steht wird mit zunehmender Intensität der Übungen sicher wegwischt. Nicht, dass es mir an Schlaf mangeln würde, aber mein Körper hatte schon immer morgens leichte Antriebsschwierigkeiten. Selbst wenn wir schon seit zwanzig Minuten auf die Pratzen einschlagen und Muskeln, Sehnen, Gelenke und Faszien schon längst auf Betriebstemperatur sind, ist das Gähnen immernoch da. Da hilft auch kein Kaffee (dessen Konsum ich sowieso gerade erfolgreich zurück schraube).

Als Dylan den anstehenden Drill kurz erklärt, wird mir klar, dass ich als Bauschildträger eine rein passive Rolle gewählt habe: Ich spiele den Dummy und werde nur die Distanz bestimmen – mein Gegenüber wird einfache, harte Körperkombinationen schlagen. "Erst Glenn 4 Minuten, dann Josh, dann bist du dran!" erläutert Dylan.

Ich weiß, dass die beiden verdammt hart schlagen können und konzentriere mich deswegen darauf die Bauchmuskulatur bei jedem Schlag anzuspannen. Pfeifend atme ich bei jedem Treffer aus, lehne mich hinein um die Wirkung zu absorbieren – dies ist besonders deswegen wichtig, weil ein Wegdrehen oder Abweichen aus der Bahn des Schlages Glenns Hand verletzen könnte. Die Knöchel und das Handgelenk sind weit verletzungsanfälliger als das gemeinhin angenommen wird.

Glenns Schläge sind verdammt hart. Besonders bei den Treffern auf die Leber bin ich heilfroh das Bauschild zu tragen: Ich spüre diese trotzdem deutlich auf dem Organ. Gegen Ende wird es immer unangenehmer. Die Schläge werden nicht härter, aber es ist als würden sie sich summieren. Unbeabsichtigt gerate ich mehr in den Rückwärtsgang, der Finne täuscht einen linken Haken an, ich spanne die Bauchmuskulatur in Erwartung an und der rechte Haken trifft genau als die Spannung gerade entweicht. Mit zusammen gebissenen Zähnen versuche ich den dumpfen Schmerz in der Magengegend wegzuatmen.


Josh ist dran. Ich recke mich kurz, versuche mich zu lockern und zu entspannen. The Wolfman beginnt gleich mit Kombinationen: Er schlägt mehr Geraden und setzt diese schnell hintereinander. Was nicht heißt, dass diese weniger hart sind. Rechts, links, rechts trifft auf das Bauschild, knapp unter meinem Solarplexus, abgeschlossen mit einem Haken zur Leber. Es raubt mir den Atem. Joshs Attacken prasseln wie ein Trommelfeuer auf mich ein und jedes Mal zieht es mehr in der Magengeged. Nach zwei Minuten lösen selbst die Schläge auf die Seiten des Körpers einen von Solarplexus ausstrahlenden Schmerz aus – es fühlt sich an, als träfe er jedes Mal den Nervenknotenpunkt.

"Noch 30 Sekunden! Durch halten und atmen!" ruft mir Dylan zu. Mir ist schlecht, ein schmerzhaftes Gefühl als wenn die Bauchdecke von einer unsichtbaren Kraft nach innen gezogen wird erfüllt mich. Ich bete, dass die Zeit schneller vorbei geht, ich stöhne mit verzogenem Gesicht als ich eine Gerade knapp unter die Brust nehmen muss.

"Okay! Time!"

Das Bauschild reiße ich mir vom Leib und gehe in die Hocke, mein Magen ist flau, aber es ist überstanden. Glenn greift sich den Schutz und spielt für mich den Dummy. Nach den ersten paar Schlägen bin ich plötzlich außer Atem. Doch ich lehne mich in die Schläge um mehr Kraft in sie zu setzen... doch da ist nichts. "Bist du ok?" fragt Glenn mit prüfendem Blick – "Ja ja, geht schon." Ich atme tief durch, fokussiere mich neu und beginne nochmal: Links Rechts, Haken. Ein Flackern vor den Augen, meine Knie werden weich und mir ist kalt. "Bist du dir sicher, dass du ok bist? Du bist kreide bleich!" teilt mir Glenn besorgt mit. "Scheiße! Mir ist irgendwie schwindelig!" antworte ich.

"Leg dich hin! Und Beine hoch!" kommandiert mich Dylan. Mein Training ist damit vorbei.

 

Nach einigen Minuten beginne ich mich besser zu fühlen und kann, den Blick ins Nichts des strahlend blauen Himmels gerichtet, über die Lektion der heutigen Einheit nachdenken. Um Erfolg zu haben, Fortschritte zu machen, muss man zäh sein – sich trotz Erschöpfung und Schmerzen weiter durch beißen. Nur, wenn man seine Komfortzone verlässt, wird man sein Leistungsniveau auf ein anderes Level bringen.


Mit dem heutigen Tag kommt allerdings auch die Einsicht, dass Durchhaltevermögen und Zähigkeit nicht alles ist – es sind dem physische Grenzen gesetzt. Stößt man an diese, hat man den Kampf zwar verloren... weiß allerdings auch bestimmt, dass man seine Komfortzone verlassen hatten und die Grenze dieser ein bisschen weiter weggerückt hat.

Aber was lehrt mich das rein praktisch? Nun ja... dass man Körpertreffer besser meiden sollte.