17Oktober
2013

Viel Erfahrung - viel zahlen

Mit dem Rücken an das Metallgestänge meines Bettes gelehnt starre ich die gegenüber liegende Wand an. Sie ist einfach nur weiß. Nicht ganz. Ein paar unschöne Schatten zieren sie, die wohl Klebebandreste von Vormietern dort hinterlassen haben müssen. Meine Beine liegen weit ausgestreckt von mir, das linke Fußgelenk ist mit einem Eisbeutel gekrönt und verströmt den süßlichen, stechenden Mentholgeruch von Tigerbalsam. Glenn, ein Team Quest Mitglied aus Finnland, hat mir gerade mein Mittagessen vorbei gebracht. Nicht, dass ich es nicht liebend gern selbst geholt hätte, aber leider bin ich heute unglücklicherweise nicht dazu in der Lage auch nur einen Schritt zu laufen.

Es ist Montagnachmittag und ich komme mit geschulterter Trainingstasche und in freudiger Erwartung auf das heutige Grapplingtraining am Gym an. Am Abend zuvor hatte Glenn seinen ersten Muay Thai Kampf bestritten, nachdem er nur ein Wochenende zuvor den Pattaya Cage Wars Weltergewichtstitel im MMA gewonnen hat – und auch dieses Mal war er siegreich. Dieses Pesum hält ihn allerdings nicht davon ab heute schon wieder zu trainieren und so ist er der erste der mir freundlich grüßend über den Weg läuft.


Gerade will ich meine Tasche abstellen und in die Runde der Grappler grüßen, die sich schon vor Trainingsbeginn auf der Matte versammelt haben und über die UFC, ADCC, Gott und die Welt fachsimpeln, als mein Name gerufen wird. Ich drehe mich um und sehe Kru Nee auf mich zukommen „Du kämpfst übermorgen! Loikroh Stadium!“. Eigentlich war mein zweiter Muay Thai Kampf auf den 23. festgelegt worden, da jedoch in Planung ist, dass auch ich Anfang November bei Pattaya Cage Wars MMA kämpfe, habe ich in Rücksprache mit MMA Coach Dylan beschlossen, mich um eine frühere Ansetzung zu bemühen um eine Verletzung kurz vor einem so wichtigen Kampf zu vermeiden.

 

Nun ist er auf übermorgen angesetzt – mit der Anweisung „Stop Training!“ muss ich mich dann auch für heute vom Grapplingtraining verabschieden. Statt dessen nutze ich die Zeit meinen Wai Kru, den traditionellen Eröffnungstanz im Muay Thai, zu üben (den, sagen wir mal, nicht ganz reibungslosen Ablauf beim letzten Mal, möchte ich nur ungern wiederholen).

Mittwoch Abend. Ich sitze auf einem wackligen Plastikhocker in der Ringecke, Kru Nut schüttet mir eiskaltes Wasser in den Nacken. Es ist die Pause vor der fünften und letzten Runde, während meine schmerzenden Schienbeine massiert werden, werde ich von vier Seiten gecoached. Bereits nach der ersten Runde kenne ich den Gameplan meines thailändischen Gegners, meine Ringecke hat es mir Rundenpause für Rundepause eingebläut: Er wartet bis ich nach vorne komme, geht zurück und setzt harte Tritte um sofort wieder raus zu zirkeln.

Mir wurden verschiendene Taktiken vorgeschlagen, ich habe versucht diese umzusetzen, doch bis jetzt war er mir überlegen. Nicht, dass ich ihn nicht auch gut getroffen hätte, aber die Runden gehen bis jetzt alle klar an ihn. „Nur Schläge!“ ruft Ping von rechts, „Du musst ihn jetzt ausknocken um zu gewinnen“ verdeutlicht mir Ian meine Situation von links und mit „Nicht warten! Geh in ihn rein!“ schickt mich Nut wieder ins Gefecht.

 

                                                         vor dem Kampf - mein erster Wai Kru

Mein Gegner und ich umarmen uns grinsend und beginnen die letzten drei Minuten. Ich gehe mit viel Vordruck nach vorne, versuche ihm den Weg abzuschneiden, aber sein Distanzgefühl und seine Schnelligkeit sind mir überlegen. Wenn ich ihn treffe und bedrägen kann, springe ich mit wild geschwungenen Haken hinterher in der Hoffnung ihn doch noch zu Boden zu schicken, nur damit er mir wieder entwischt. Im Clinch erwischt es meine Nase und ich verteile großzügig Blut über seinen und meinen Oberkörper – er quittiert das mit einem Grinsen und ich grinse schulterzuckend durch meine Deckung zurück.

Er ist auch jetzt immernoch im Rückwärtsgang aber dominiert mich. Clinchen, mehr Vordruck, schneller Kombinationen: Nichts hilft. Der Kampf endet mit einem klaren Punkturteil für ihn. Es war ein großartiger Kampf, 5 Runden Erfahrung und das erste Mal, dass ich gegen jemanden gekämpft habe, dessen Game durchschaubar und vollkommen offensichtlich war und ich trotz aller Bemühungen nicht dagegen ankommen konnte.

Nun bin ich schon den ganzen Tag ans Bett gefesselt: Viel Erfahrung in einem Kampf sammeln bedeutet auch, meistens die Schattenseiten des Sports stärker auskosten zu dürfen. Schon in der ersten Runde habe ich ihm unglücklich in den Ellbogen getreten und meinen Fuß lahm gelegt. Ein etwa Handteller großer braun-blauer Bluterguss ziert ihn nun und außer den Zehen kann ich nicht viel bewegen.

 

Doch ich bin zuversichtlich in wenigen Tagen wieder auf der Matte zu stehen um mich auf meinen ersten MMA Kampf hier vorzubereiten. Zwar steht das noch nicht fest, aber sobald ich einen Gegner habe werde ich euch davon unterrichten.

 

Felix – schon wieder humpelnd statt liegend