26Sept
2013

Tritte, Schläge, Schmetterling.

Die Morgenluft ist für thailändische Verhältnisse angenehm kühl. Der Himmel ist von leichten Wolken verhangen, noch ducken sich die sengenden Sonnenstrahlen nur knapp irgendwo über den Horizont. Links und rechts pendeln wir unter dem quer über die Mattenfläche gespannten Seil vorbei, schlagen einfache Kombinationen in die Luft, verlagern unser Gewicht und tauchen unter Haken eines imaginären Gegners hinweg.

Es ist das vorletzte Training für mich bevor ich am Sonntag in den Ring steige. Gestern Abend sind wir gemeinsam zum Loikroh Stadium gefahren um den jungen Thai, Piak, bei seinem Kampf zu unterstützen. Als ich mit Josh, Joel und dessen Freundin ankomme treffen wir zwar ein halbes Dutzend anderer Team Questler die schon vor Ort sind, vom Kämpfer fehlt jedoch noch jede Spur. Genau wie von den thailändischen Coaches. Wozu auch die Hektik, wenn Piaks Kampf erst der zweite des Abends ist.

Das Boxtraining nimmt seinen Lauf, wir arbeiten an Kombinationen - wir überbrücken die Distanz zu unserem Trainingspartner mit zwei schnellen Führhandschlägen, meiden dessen Konter und kommen mit einer harten Uppercut-Haken Kombination wieder. Ganz unbekümmert von ineinander klatschenden Boxhandschuhen, scharf ausgeatmeter Luft und spritzendem Schweiß gleitet ein ultra-marin blauer Schmetterling durch den Ring. Lässt sich mal auf den Pfosten der Ringecken nieder, mal auf dem Wasserspender, verschwindet für einige Minuten nur um kurze Zeit später seinen morgendlichen Spazierflug zwischen den Trainierenden fortzusetzen.

Es hat etwas irritierendes, wenn man sich mit brennenden Schultern darauf zu konzentrieren versucht die Muskulatur mit einem kleinen Schritt aus der Linie des Gegner aufzuziehen um möglichst viel Kraft in den Aufwärtshaken setzen zu können während im Augenwinkel, vollkommen lautlos, solch ein graziles Wesen vorbei schwebt. Mich beschleicht das Gefühl die Natur wolle mit einem Augenzwinkern sagen: Was machst du da eigentlich?

Doch noch vor Beginn des ersten Kampfes tauchen Piak und die restlichen Thais, seelenruhig Fruchtshakes schlürfend, auf. Noch während die Hände getaped werden, beginnt der erste Kampf – und ist fast genau so schnell wieder vorbei. Dann kommt doch noch eine gewissen Hektik auf, vier paar Hände hantieren gleichzeitig an Piak, binden den Tiefschutz, schützen sein Gesicht mit Vaseline vor Cuts und reiben ihn von Kopf bis Fuß mit dem durchblutungsfördernden, wärmenden Thaiöl ein. Zum Aufwärmen fehlt die Zeit.

Wir liegen uns im Ring gegenüber, die Beine mit dem Partner ineinander verschränkt, machen gleichzeitig Situps und schlagen am höchsten Punkt Geraden in die offenen Handflächen des anderen. Der Coach lehnt in der Ringecke und erklärt uns wie glücklich wir mit unserer Situation sein sollten: "Je anstrengender, desto besser. So sind wir schneller durch. Wenn ihr euch nicht reinhängt müssen wir das den ganzen Tag machen!". Niemand zählt mit, wir arbeiten gegen die Uhr. Nur wie lange ist uns unbekannt. Es wird zunehmend anstrengender, unbewusst beginnt man die Übung einfacher zu gestalten, Schlupflöcher zu finden. "Hey! Ich will hier keine Schultern auf dem Boden sehen, die bleiben in der Luft! Oder möchte hier wer zugeben ein Weichei zu sein?". Selbst wenn man dies für den Bruchteil einer Sekunde in Erwägung gezogen haben sollte, muss man feststellen, dass es wohl eine rhetorische Frage war.

Die Ringglocke läutet, Piak und sein Gegner beginnen den Kampf wie für Thais typisch, sehr ruhig, vorsichtiges Abtasten, vereinzelte Kicks. Doch bereits nach zehn oder zwanzig Sekunden gewinnt das Geschehen an Intensität und Geschwindigkeit. Harte Knie im Clinch, gut gesetzte Low- und Middlekicks, ein sehr ausgewogenes Duell zeichnet sich ab.

"Okay! Noch 30 Sekunden, ich will Einsatz sehen!". Der Schmetterling ist verschwunden, wahrscheinlich ermüdet von der minutenlangen, eintönigen Schinderei.

Es ist vielleicht eine Minute vorbei, vielleicht etwas mehr und der Team Quest Kämpfer geht in die Offensive. Seinem Gegner fällt es schwer dem Vorwärtsgang, gepaart mit brachialen Knien und Ellbogen zu entgehen, er befindet sich zunehmend in der Defensive. Piak schlägt eine Gerade zum Kopf, sein Kontrahent zieht die Deckung hoch und wird sogleich von einem harten Tritt in die Rippen getroffen. Auf der rechten Körperseite, da wo die Leber sitzt. Sofort bricht er zusammen, der Referee beugt sich über ihn, ein prüfender Blick, die Trainer eilen herbei: Sieg für Piak in der ersten Rund durch K.O.

Ich atme auf, das Training ist vorüber. Beim Dehnen beobachtet mich auch der Schmetterling wieder. Die Morgensonne ist inzwischen hoch aufgestiegen und scheint strahlend auf den Vorhof des Trainingsgeländes – erschöpft lasse ich mich in einen herum liegenden Lkw Reifen fallen. Eine halbe Stunde liege ich so da, die warmen gelb-orange Töne der Sonne dringen durch die geschlossenen Lider, ein leichter Wind bläst kühlend über den von feinen Schweißperlen bedeckten Oberkörper. Ich genieße die eingekehrte Ruhe, komme nach der Anstrengung zur Ruhe und lausche dem Konzert von hunderten Vögeln, die im Geäst der nahe gelegenen Bäume sitzen.

Schmunzelnd muss ich an den Vorabend denken: Von mir aus kann mein Kampf am Sonntag auch so laufen.

Es war mir leider nicht möglich, den Originalschmetterling aus dem Post fotographisch festzuhalten, finde das Bild von seinem Artgenossen aber trotzdem gelungen.