06Sept
2013

Sabai, Sabai. Ich will es ruhig angehen.

 

Schon als ich das Team Quest Gelände zum Nachmittagstraining betrete, sagt mir eine Stimme tief in meinem Inneren, dass sich die Konstellation die sich mir da bietet, wohl schlecht mit meinem Vorhaben "es erstmal ruhig angehen zu lassen" vertragen wird. Natürlich habe ich mich an die "erstmal nur ein Training am Tag Regel" gehalten, aber ich hätte den Morgen des nächsten Tages wahrscheinlich auch nicht mehr erblickt, hätte ich sie gebrochen: Zum Training bereitet sich ein Amerikaner, ein jugendlicher Thai (dessen Kampfrekord ich lieber nicht wissen möchte) und meine Wenigkeit vor. Soweit so gut, so kann sich der Trainer besser auf jeden Einzelnen konzentrieren... wären da nicht vier von ihnen.

Vier Trainer auf drei Schüler. Das klingt erstmal nach dem Paradies, wer wünscht sich solche Verhältnisse nicht auch in Deutschland? Leider hat ein Überhang an Personal auf der falschen Seite die Tendenz, dass sich dieses langweilt, unterfordert ist. Und wer schon mal einen unterforderten Trainer erlebt hat, weiß was ich meine: Die Langeweile will vertrieben werden und so neigen diese dazu neue Drills auszuprobieren, die Schüler zur eigenen Ermunterung besonders energisch zu motivieren oder das mit dem korrekten Liegestütze zählen nicht ganz so ernst zu nehmen. Da werden aus 30 schonmal 40. Oder 50?

Doch mein Bewusstsein schubst und stößt das kleine Männchen namens Unterbewusstsein energisch wieder in seine Ecke zurück und setzt statt dessen eine Hand voll überzeugungskräftiger Endorphine frei: "Das wird ein gutes Training. Technisch sehr wertvoll. Du hast dich gut ausgeruht, seit dem letzten Training sind über 30 Stunden vergangen. Du bist fit!".

Es hat gar nicht so Unrecht. Ich habe die Nacht das erste Mal seit meiner Ankuft richtig gut geschlafen, der Jetlag scheint überwunden. Das Training nimmt einen guten Lauf, auf Anhieb stehe ich die drei Runden Padwork durch – ohne Sternchen sehen, ohne Kreislaufturbulenzen. Meinen Rücken perlt Glück hinunter, von meiner Stirn tropft es Zufriedenheit. Während der junge Thai sich Runde vier an den Pratzen gönnt, genieße ich eine 1:1 Sidekick Technikeinheit und werde zum Üben an den Sandsack geschickt.

"How many?" - "nueng-rawy" (100) entgegne ich, als ich vom inzwischen glänzend nassen Sandsack ablasse – "Fine". Es kehrt Ruhe ein, ich atme mich runter, trinke etwas, lockere meine Beine, Hülle meinen Nacken in einen Teppich aus eiskaltem Nass. Die Trainingsatmosphäre entspannt sich, ein Blick auf die Uhr bestätigt das: 2 Stunden seit Beginn. Das Trainig ist vorüber. Doch die Ruhe hält nicht lange an, als der junge Kämpfer beginnt ein Trommelfeuer Kicks in die Pratzen zu entlassen: 50 links, 50 rechts. An sich nichts ungewöhnliches, die Wettkämpfer genossen auch letztes Jahr in der Regel Extraaufmerksamkeiten nach offiziellem Trainingsende.

Während ich mich noch wundere wohin denn der Amerikaner verschwunden ist, werde ich freundlich zu einer Runde an den Pads eingeladen. Hier könnte ich jetzt vielleicht misstrauisch werden, aber das Unterbewusstsein (oder der Verstand?) ist vom hoch schlagendem Sportlerherz und von dadurch umso schneller durch die Blutbahn rasendem Dopamin längst irgendwo in die Hirnaußenrinde verbannt.

Mit einem "Kannst du das auch?" Lächeln drückt der Padholder das oberste Ringseil nach unten, ich klettere hinüber, lächel zurück. Er dirigiert mich in eine Ringecke, bringt sich in Position, lehnt sich in die Pratzen deren Unterkante er auf seinem Bauchschild abgelegt hat. "Twenty?", er schaut mich mit hochgezogenen Augenbrauen an... Sportlicher Ehrgeiz lässt einem manchmal keine andere Wahl als "Ja!" zu sagen.

Ich hebe meine Hände in die Deckung, wippe leicht auf den Zehenspitzen von Fuß zu Fuß, bringe mich in die richtige Distanz, schüttel noch einmal mein linkes Bein aus, fokussiere mich auf die Pads und komme zu dem Entschluss, hier beim nächsten Mal weiter zu erzählen...