09Oktober
2013

Kann es mir besser gehen?

 

Jins himmelblauer Ford Cortina L, Baujahr 1977, rumpelt über die unbefestigte Straße, vor uns hebt sich die Betonplatte der halb unterspülten, notdürftig reparierten Brücke einen guten halben Meter im 45 Grad Winkel aus der orange-roten Erde. Der Oldtimer lehnt sich mit viel Elan in ein Schlagloch, fragend suche ich vom Beifahrersitz aus den Blick meiner Thailehrerin am Steuer, während wir uns mit recht optimistischer Geschwindigkeit der Brücke nähern. "Keine Sorge!" entgegnet sie auf meine stumme Frage hin "Alles auf dieser Erde verfällt einmal." - "Jeder Oldtimer Liebhaber würde in Panikzustände verfallen, wenn er das hier sehen würde!" erwidere ich mit leicht besorgter Stimme. Doch mein Einwand wird abgetan – wenn man zu viel Acht auf alles geben würde, könnte man nicht so viel Spaß im Leben haben. Irgendwie hat sie recht. Der Wagen tut mir trotzdem Leid.

Ursprünglich hatte mich Jin eingeladen sie in ihr Lieblingskaffee, etwas außerhalb der Stadt, im Dschungel gelegen, zu begleiten. Gerade einmal zehn Minuten braucht man von meiner Haustür mit dem Auto durch den Stadtverkehr in die Natur – Chiang Mai ist von dutzenden Bergen im strahlend, tropisch-üppigen Grün umgeben. Im einen Moment ist man noch auf dem viel befahrenen Highway, im Nächsten biegt man ab und kurvt über enge Serpentinen, rechts und links steigen steile Abhänge auf, dicht bewuchert von tropischem Gestrüpp und riesigen, von verholzten Lianen umschlungenen Bäumen.

Doch ihr Dschungelcafe scheint inzwischen alles andere als ein Geheimtip zu sein. Von der idyllischen Ruhe ist nicht mehr all zu viel geblieben. Der neu erweiterte Parkplatz bis auf den letzten Meter ausgenutzt, alle Tische besetzt und ein großes Schild "WiFi" verweist auf die Möglichkeit gleich der facebook Welt mitzuteilen was man gerade macht. Wo man gerade ist. Mit Selbstportrait versehen.

Auf der Suche nach Ruhe und Abgeschiedenheit - früher hatte man in diesem Café nicht mal Mobilfunkempfang lässt mich Jin etwas wehmütig wissen – folgen wir einem unscheinbaren, hölzernen Wegweiser, vielleicht zwei Handspann lang: "Wasserfall Café".
Wenige Minuten später rumpeln wir auf die wenig vertrauenserweckende Brücke zu.

Der Zustand der Straße gibt keinen Anlass dazu den Fahrstil anzupassen und so offenbart sich uns einige Meter später und diverse beunruhigende Geräusche, inklusive des Fingernägel aufstellenden, kreischenden Kratzens der Betonplatte am Unterboden des Fords, als dieser aufsetzt, was wir gesucht haben: Ein niedliches Holzhäuschen auf einer riesigen Lichtung, ein kleiner Fluss rahmt das leicht abfallende Gelände ein, überall sind gemütliche Sitzecken eingerichtet, Liegen aufgestellt und künstlerisch anmutende, mannshohe Bambustunnel als Sonnenschutz errichtet. Kein Lärm von den Straßen dringt bis hierher vor, die Luft ist erfüllt vom Plätschern des Baches, den Liedern der Vögel und Insekten des Dschungels. In der Ferne spielt der Wasserfall seine beruhigend rauschende Hintergrundmusik.

Dieser Ort lädt wahrlich zum Verweilen ein. Es sollte nur ein kurzer Ausflug für einen entspannten Mittagscafé werden – wir enden auf einer Bambusmatte am Ufer liegend, Ice Coffee und Schokoladentorte schlemmend, angeregt über thailändisch-deutsche Kulturunterschiede sprechend. Die seichte Strömung des Flusses kühlt unsere Füße und die tropischen Riesen spenden uns Schatten. Bereits Dienstag habe ich wieder angefangen zu trainieren, nachdem ich Sonntag gekämpft habe, nun ist es Samstag und diese abolute Entspannung fühlt sich nicht nur redlich verdient an, ich empfinde sie auch intensiver.

Nach einigen Stunden Ausspannen brechen wir auf, doch verfahren uns auf dem Rückweg. Anstatt, dass es eine ärgerliche Irrfahrt wird, kommen wir nur noch mehr in den Genuss der traumhaften Landschaft Nord-Thailands. Wir halten an, genießen die Ausicht auf die Berge, die Ruhe, den leichten Wind und die malerische Schönheit der inzwischen tief stehenden Sonne über den Reisfeldern.

"Kann es mir besser gehen als im Moment?", frage ich mich, an den Ford gelehnt, nachdenkend über das Training, den Kampf und all die anderen Dinge dich ich hier jeden Tag erlebe, aber die ihren Weg nicht in meinen Blog finden... "Ich glaube nicht."