30Sept
2013

Fight!

Es ist bereits dunkel als ich durch die Schiebetür des Massagesalons nach draußen trete. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass es noch ungefähr zwei Stunden sind bis ich in den Ring steigen werde. Die letzten zwei Tage habe ich mich ausgeruht, mich mit anderen Sachen als dem Sport beschäftigt, über thailändische Kultur gelesen, mir in der Stadt, nach langem Suchen in einem Gebrauchtbücherladen, eine Übersetzung der traditionellen, thailändischen Ramakian Sage gekauft. Mein Körper und mein Geist sind vollkommen entspannt, die Thaimassage hat dieses Gefühl nochmal verstärkt.


Auf dem Weg die Straße runter kaufe ich noch Bananen, etwas zu trinken, genieße die angenehme Wärme des Abends, der die Hitze der Nachmittagssonne verdrängt. In der Wohnung angekommen schalte ich den Laptop ein, spiele das eineinhalb stündige Best of Ramon Dekkers, einer Legende ds Thaiboxens, ab und beginne dabei meine Tasche zu packen. Tape, Bandagen, Vaseline, Thaiöl – alles da? Ramon Dekkers vernichtende Körper- und Kopfhakenkombinationen schicken einen Gegner zu Boden. Shorts, Tief- und Mundschutz, Wasser, Fußgelenkbandagen.
Der Holländer Dekkers scheint im Ring nur eine Richtung zu kennen: Vorwärts. Mit brachialen Middlekicks arbeitet er sich heran, schließt ab mit schnellen Uppercuts und Knien.
Ich schmeiße ein Handtuch und frische Klamotten in den Rucksack, atme tief aus – ein leises Kribbeln macht sich in den Knien und den Fingerspitzen breit, zufrieden genieße ich das Gefühl der steigenden Nervosität. Es ist wieder so weit, der Körper schaltet in den Kampfmodus um.

Kru Nee sitzt mit Josh an einem der Tische auf dem Vorhof des Gyms und vernichtet diesen gerade in der vierten Runde Kartenspielen. Eigentlich wollten wir schon vor einer viertel Stunde fahren, aber der Thai sieht keinen Anlass zur Hektik: "90% you fight last fight. Maybe second last one." Schulterzuckend nehme ich das hin, so ist die thailändische Lebensart eben: Sabai, Sabai. Wenn man mit einer Attitüde hier nicht weiter kommt, dann ist es Hektik.


Etwa 20 Minuten nach offiziellem Veranstaltungsbeginn kommen wir am Loikroh Boxing Stadium an, die Zuschauerreihen sind bereits gut gefüllt, doch nur weil auf den Flyern steht es ginge um 21:00 Uhr los, muss man sich als Veranstalter ja nicht davon hetzen lassen. Wir treffen auf mehr Team Questler, ein paar Freunde von mir aus Chiang Mai sind auch gekommen.

Leider lag Nee mit seinem 90% Tipp doch nicht so richtig, ich bin bereits als dritter dran heute Abend, was das Tapen und Umziehen schließlich etwas hektisch gestaltet.

Ich liege auf einer dünnen Bambusmatte auf dem Boden des Stadiums, über meinem Gesicht ein Handtuch, Piak und Nee massieren meinen gesamten Körper mit Thaiöl, hektisches Stimmengewirr meiner Trainer, das traditionelle Surren der Thai Musik erfüllt das überdachte Stadion, Zuschauerrufe mischen sich mit dem Klatschen einschlagender Tritte im Ring, dazu elektronische Musik aus den, den Ring umgebenden Bars, lachende Barmädchen und hitzige Disskusionen der wettenden Thais.

Nee kommandiert mich aufzustehen, Dylan reibt mein Gesicht mit Vaseline ein, der zweite Kampf läuft bereits, das Thaiöl erhitzt meinen ganzen Körper mit einem angenehmen Brennen, Piak massiert meine Arme, die Hände sind mit Tape und Bandagen geschützt und gefestigt, harte Aufbauten aus zusammen gerolltem Tape verstärken meine Knöchel. Auf dem Fernseher einer der Bars verfolge ich abwesend ein Fußballspiel, alles um mich herum wirkt so weit weg. Der dritte Kampf wird angekündigt. Das Team hilft mir in die Handschuhe, ich fühle mich nicht gehetzt, bin in freudiger Erwartung.

Dann spüre ich mich plötzlich über die Ringseile klettern, drehe eine kurze Runde durch den Ring, verbeuge mich zu allen Seiten zum klatschenden Publikum. Irgendwo ruft jemand "Where are you from?", ich muss grinsen, fühle mich wohl hier wo ich bin, mein thailändischer Gegner grinst ebenfalls zu mir herüber, wir nicken einander zu. Während er beginnt den Wai Kru zu tanzen, die traditionelle Eröffnung eines jeden Muay Thai Kampfes, gehe ich die Seile ab und verneige mich in jeder Ringecke. Wir werden in die Mitte gerufen. Ready? Fight!

Wir beginnen ruhig, tauschen einige Tritte und Schläge aus, er landet mal einen guten Treffer, dann ich wieder. Einem eingedrehten Ellbogen entgehe ich mit eng zusammen gezogen Unterarmen, als Antwort setze ich in eine einfache Schlagkombination mehr Vorwärtsdruck, er weicht zurück, ich treffe ihn, seine Deckung ist offen. Er will nicht mit mir Boxen, tritt Highkicks. Diese landen zwar nur in meiner Deckung, schütteln mich aber dennoch gut durch. Ich antworte mit Middlekicks in Richtung seiner Rippen, er schützt sich mit den Unterarmen, dann versuche auch ich Highkicks doch treffe ebenfalls nur seine Deckung. Einmal bringe ich ihn aus dem Gleichgewicht als ich einen seiner Tritte fange, er landet rücklings auf dem Ringboden, unsere Blicke treffen sich und wir grinsen einander an. Wir haben Spaß. Und es ist bisher sehr ausgeglichen.



Es schellt zur Pause, Nee massiert meine Beine und überschüttet mich mit kaltem Wasser, Dylan coacht mich: "Pass auf die Deckung auf, lass die Hände oben." - er gibt mir etwas zu trinken – "Benutz deinen Frontkick mehr, lass ihn auflaufen. Und du siehst: Er mag deine Schläge nicht. Geh damit mehr rein, Kombinationen, der will nicht Boxen." Es schellt wieder, Dylan schiebt meinen Mundschutz wieder zwischen meine Zähne "Have fun, man!".

 

Die zweite Runde ist intensiver, gewinnt an Schnelligkeit, immer öfter kann ich vor allem mit Schlägen treffen, er sucht öfter den Clinch, doch wir können beide keine klaren Aktionen setzen und werden wieder getrennt. Ich beginne aktiver zu sein, gehe öfter nach vorne, in einer ungestümen Vorwärtsbewegung nach einem Tritt von mir, kann ich ihn zwei mal hintereinander mit einem rechten Aufwärtshaken ins Gesicht treffen.

 

Einige Tritte von ihm treffen mich, ich gehe in seinem Angriff nach vorne, er steht mit dem Rücken zur Ringecke, mit einer Boxkombination treffe ich ihn mehrmahl ans Kinn, plötzlich fällt er zu Boden, dreht sich mit verzogenem Gesicht auf den Rücken, der Referee springt dazwischen, Trainer klettern in den Ring. Fragend drehe ich mich zu meinem Team um. War es das?
Der Referee packt mich am Handgelenk und hebt meine Hand: "Knockout."

Etwas verwirrt klettere ich durch die Ringseile, bedanke mich beim Publikum, nehme die Gratulationen des Teams entgegen. Mich lässt die Frage nicht los, ob ich ihn wirklich hart genug getroffen habe, oder ob er nicht mehr kämpfen wollte, ich war ihm überlegen, vielleicht hat er mich unterschätzt.

Mit Freunden aus der Thai- und Englischschule fahre ich noch etwas Essen, plage mich noch eine Zeit mit dem Gedanken rum ob es ein echter Knockout war, bis ich zu dem Schluss komme: Ob K.O. oder faktisch Aufgabe, ich war ihm überlegen, bin technisch mit mir zufrieden, mein linkes Schienbein kann ein Lied davon singen, dass er sich gewehrt hat, ich bin unverletzt, habe mehr Ringerfahrung gesammelt und hatte vor allem Spaß. Und nicht zu letzt: Das war erst das erste Mal, dass ich hier gekämpft habe. Kann ich mehr wollen?

Ich bitte zu beachten, dass ich den Kampf nach meinem subjektiven Empfinden und Erinnerungen, sowie der Einschätzung von Teamkollegen verfasst habe. Das ist das was ich erlebt habe, nicht wie es nüchtern betrachtet wirklich gewesen sein mag. Nach dem Kampf konnte ich mich nicht mal mehr erinnern, wodurch ich ihn beendet habe. Wer selbst schon mal gekämpft hat weiß, wie verändert die Wahrnehmung ist, wenn man sich in einem Vollkontaktkampf befindet.
Wenn ich Glück habe folgt noch ein Video.

Herzlichen Dank für die Bilder an: Paul Thompson Fight Photography (like him on facebook!)