Thailand - Train and Travel

"Wer keinen Mut zum Träumen hat, hat keine Kraft zum Kämpfen."

16November
2013

Der Titel

Bunte Lichterketten sind rechts und links der schmalen Straße gespannt, überall baumeln nackte Glühbirnen über den vielfältigen Auslagen der kleinen Stände. Hunderte Menschen, hauptsächlich Thais, tummeln sich zwischen Ballonverkäufern, mobilen, auf Roller geschraubten Grills und Spielbuden. Dröhnende Bässe dringen aus den überdimensionierten Boxen einer aufgestockten Tanzfläche herüber, deren Zugangstreppen von bedeutend dreinschauenden Polizisten mit "MP" Armbinden und Helmen bewacht werden.

Es ist Mittwochabend und wir sind mit einer Gruppe von ca. 20 Team Questllern, etwa eine halbe Autostunde außerhalb von Chiang Mai, auf einem Dorffest – kein gemütliches, kleines, ruhiges: Eines der größeren Sorte, einige Tausend Menschen sind bestimmt hier. Piak, der 17 jährige Muay Thai Kämpfer, wird heute Abend seinen bisher bedeutensten Kampf bestreiten – er tritt an um den Gürtel der Nordthailändischen Meisterschaft bis 50kg zu erringen.

 

Doch bis dahin dauert es noch etwas und wir vertreiben uns die Zeit indem wir über den Festplatz strolchen: Kokosnusssaft schlürfend bombardieren wir an dem einen Stand Ballons mit Pfeilen, manch einer recht zielsicher, ich eher mit fragwürdigem Erfolg, am nächsten schießen wir mit Plastiknoppen aus rostigen Gewehren auf kleine, kugelrunde, ziemlich unsportlich anmutende Plüschvögel. Adrien, der etliche Male im Lumphini Stadium in Bangkok, dem Mekka des Muay Thai, gekämpft hat, ist in der Szene nicht unbekannt und schüttelt mal hier mal dort Hände und nimmt beste Wünsche entgegen... vielleicht liegt es aber auch an dem Angry-Birds Luftballon der, an sein Handgelenk gebunden, über seinem Kopf schwebt. Da bin ich mir noch nicht so ganz sicher.

 

 

Die kirmesähnliche Veranstaltung (allerdings mit einer weit größeren Auswahl kulinarischer Köstlichkeiten als das westliche Pendant) ist brechend voll, die Tanzfläche bis auf den letzten Quadratmeter ausgenutzt, immer wieder steigen Khom Loys, thailändische Papierlaternen, auf und lassen sich noch lange als Lichtpunkte am nachtschwarzen Himmel verfolge. Feuerwerkskörper explodieren krachend und Raketen schießen pfeifend empor um schillernde Explosionen auf die Leinwand des Firmaments zu zaubern.


Als die Kämpfe schließlich beginnen ist unter all dem Lärm und Stimmengewirr die traditionelle Musik aus den, denen der Tanzfläche um ein vielfaches unterlegenen Boxen am Ring, nur undeutlich zu vernehmen. Doch das ist nebensächlich, denn schon der erste Kampf des Abends ist von hoher Qualität, einige hundert Zuschauer umringen des Spektakel und mit jeder fortschreitenden Runde werden die Reaktionen des Publikums emotionaler und heftiger.

Auch die zweite Paarung des Abends kann überzeugen, hektisches Stimmengewirr folgt auf die einheitlichen "UUUUIS!" der Menge nach einem guten Treffer, Hände zeigen Wetteinsätze und werden wild schwingend in alle Richtungen gehalten, auf der Suche nach einem Buchmacher der einsteigt.

Der dritte Kampf. Piaks Chance auf den Titel – als die Thais mitbekommen das die wenigen anwesenden Farang (das thailändisch Wort für Ausländer) reihenweise mit Wetteinsätzen einsteigen löst dies gerade zu eine Unruhe aus und Buchmacher und Wettende strömen gleichermaßen herbei. Die Einen um zu weiteren, höheren Einsätzen zu motivieren, die anderen, um, wild gestikulierend in Piaks Richtung deutend "This fighter good? This fighter good?" zu fragen.

 

Die Anspannung ist enorm. Es steht nicht nur ein Freund im Ring, es geht auch noch um einen bedeutenden Titel – als kleines i-Tüpfelchen ist auch noch Geld im Spiel. Die wohl intensivste Kombination einen Kampf zu erleben, wenn man nicht selbst in den Ring steigt.

Der Kampf toppt die vorangegangen noch einmal: Bereits in Runde eins gewinnt er nach kurzer Zeit an Fahrt und findet bereits mit dem Gong zur Pause seinen vorzeitigen Höhepunkt - der Team Quest Kämpfer wird schwer getroffen und geht bei nahe K.O.

Doch Piak beweist Herz und liefert sich eine fünf Runden Schlacht, ein Kopf an Kopf Rennen, die Menge tobt gegen Ende des Kampfes, die Wetteinsätze überschlagen sich. Jedes Knie im Clinch wird mit lauten Rufen quittiert. Ein verdammt guter Kampf, auf Augenhöhe – es ist unmöglich zu sagen, wer die Nase vorne hatte.

Bei der Urteilsverkündung sind meine Hände schweiß nass: Die Wertungen eines jeden Kampfrichters werden einzeln verkündet. Zu allgemeiner Enttäuschung unterliegt Piak mit einer Split Decision, einer geteilten Punktentscheidung. Manch einen übereifrigen Zocker hat der Abend eine gute Stange Geld gekostet, meine Verluste halten sich im Rahmen, aber mir wäre dieser Kampf sogar wesentlich mehr wert gewesen. Mit dieser Meinung bin ich nicht allein: Der Promoter hat bereits einen Rückkampf für Ende Dezember angesetzt – dann geht der Titel hoffentlich nach Chiang Mai.

Eine absolute Top Leistung von Piak, die ich euch nicht vorenthalten möchte:

 

Natürlich werde ich über den Rückkampf berichten! Mein Knie ist auf dem Weg der Besserung und so kann ich hoffentlich Ende des Monats auch endlich wieder in den Ring steigen.

 

Bestes aus der Sonne!
Felix