06Sept
2013

Alles hat einen Preis

--- dies ist die Fortsetzung des letzten Eintrags ---

 

(… Ich hebe meine Hände in die Deckung, wippe leicht auf den Zehenspitzen von Fuß zu Fuß, bringe mich in die richtige Distanz, schüttel noch einmal mein linkes Bein aus, fokussiere mich auf die Pads...)
… und beginne meinen Zirkel. 1, 2, 3, 4, 5 „Eeeeeehhh!“, 6, 7 „Noooo!“, fragend drehe ich mich zur Seite. Mit ernst zusammen gezogenen Augenbrauen, die Stirn ärgerlich in Falten gelegt steigt der jüngste der Trainer durch die Ringseile: „Not like this!“ Er greift nach meiner Deckungshand und zieht sie energisch auf die andere Seite meines Kopfes. „Like this!“. Etwas verdutzt starre ich ihn an. Aber was ist denn dann mit der etwaigen Führungshand des Gegners? Dann bin ich doch offen für dessen Konter? Als hätte er meinen Gedanken erraten und als wäre es einer der einfältigsten, den er je gehört habe, geht er einen Schritt zurück und zieht seinen Fuß locker auf Höhe meines Kopfes: „You kick and your opponent answers with a headkick. Boom! Knockout!“.

Langsam wiederhole ich die gezeigte Bewegung um sie mir einzuprägen. Er nickt knapp und verlässt die Ringfläche wieder, dann wende ich mich wieder den Pratzen zu. Beginne von neuem. Der Boxhandschuh fliegt mehr als einmal auf der falschen Seite meines Sichtfeldes vorbei, doch die Konzentration auf dieses kleine Detail macht es einfacher die Anstrengung zu vergessen. Zwanzig.

Der Jüngere ist wieder dran, er zeigt keine Müdigkeit, ich wende mich ab, ziehe die Luft tief ein, spucke aus dem Ring. Dreißig. Meine nächste Runde, das andere Bein. Zwanzig. Er wieder. Dreißig. Der Padholder kommt wieder in meine Ecke „Thirty! Come on!“ - „Ay! Ay! Ay! Fifteen! Come on!“. Ein kleiner Schritt aus der Linie des Gegners, die Bauchmuskulatur spannt sich an, ein kurzes Gegenrotieren des Oberkörpers, die Hüfte rückt mechanisch nach vorne, das angewinkelte Bein zieht nach oben, der Fußballen des Standbeins dreht sich über den rauen, von Schweiß, Dreck und Blut ergrauten Segeltuchboden des Rings. Eine vereinte Rotation des ganzen Körpers beschleunigt das Schienbein, das Kniegelenk lässt es los, es schnappt aus und schlägt, einen feinen Sprühregen aus Schweiß über den Boden verteilend, in den Pratzen ein.

 Er wieder. 40. Die letzte Runde steht bevor. Dubletten: Zwei schnelle Tritte, gezählt als eine Wiederholung. Zähne zusammen beißen und in vollen Zügen genießen ist jetzt die Devise. Wiederholung 15 – 20 sind nur noch als symbolische Tritte zu werten, doch es ist geschafft, die Extrarunden durchgestanden, ich habe mich sportlich ein Stück weiter gebracht, das Training erfolgreich abgeschlossen.

Beim Abbandagieren beginne ich mit dem Dehnen, sinke gegen eine der Säulen, die das Blechdach der offenen Trainingsfläche hält...

 

 

... bis ich aus meiner seelischen Ruhe gerissen werde: "Faster, faster!" - Ich gucke fragend hoch: Ein Arm vor meiner Nase, meine Augen folgen diesem Richtung ausgestrecktem Zeigefinger und von dort aus auf mein Paar Sportschuhe. Sportschuhe – Finger – Traineraugen – Sportschuhe. "Running?" frage ich ungläubig. Wieder ein kurzes Nicken.

Jetzt noch Grundlagenausdauer? Nicht das nach dem ich mich jetzt sehne (das sind eher drei Eimer eiskaltes Wasser, eine Dusche und eine Platte feldfrischer, exotischer Früchte), aber es macht nicht den Eindruck, als wäre das Laufen eine Option. Noch während ich meine Füße mit den Schuhen ausrüste sickert die erschreckende Wahrheit langsam zu mir durch: Wir werden nicht laufen gehen. Wir machen Sprinttraining.

Der Padholder schließt sich uns an und wir beginnen zu dritt mit Steigerungsläufen auf der ungefähr 100m langen Betonbahn des Gyms. Nach jeder Bahn Liegestütze, dann Kniehebelauf und Seitwärtsschritte. Nat beordert uns an eine der groben, unebenen Fugen der mehrere Meter messenden Platten unserer Laufbahn. Mit einem gelben Plastikstab hält er uns auf einer Höhe, wie Rennpferde in der Box vorm Start. Er erklärt uns die Regeln – wir drei nutzen die kurze Verschnaufpause um wieder zu Kräften zu kommen: Vollsprints. Drei mal. Je schlechter die Platzierung, desto mehr Liegestütze zwischen den Runden.

Wir gehen in Startposition, die Knie leicht gebeugt, den Oberkörper nach vorne gekippt, den vorderen Fuß so weit wie möglich an die Betonnaht heran gesetzt um gar keinen Zentimeter zu verschenken. „Ready? Go!“ Wir stürzen vorwärts, keiner will die 15 Strafliegestütze machen, nach der Hälfte fällt der Jüngste zurück, zehn Meter vor dem Ziel kann ich die entscheidenden Meter gut machen. Erleichtert lasse ich auslaufen, nur fünf Liegestütze also. Doch mein Oberschenkel zwickt. Wir joggen zurück zum Start. Ich spüre die Erschöpfung, die beiden anderen sahen auch schon mal glücklicher aus.

 Runde zwei. Ich versuche alles zu geben, doch die Beine wollen nicht mehr, gerade so schaffe ich noch den zweiten Platz. Zehn Liegestütze. Jetzt will ich nicht mehr, das Ziehen ist stärker geworden, ich massiere mir den zitternden Muskel.

Die letzte Runde. Der Schweiß tropft uns von den Nasenspitzen auf die Schuhe, ich atme stoßartig, auf die anderen achte ich nicht mehr. Auf Kommando versuche ich alle noch vorhandenen Reserven bereit zu stellen, der Junge zieht davon, bis zur Hälfte halte ich mit verzogenem Gesicht mit, ein kurzer Seitenblick des Padholders, er macht einen Satz nach vorne, lässt einen verbissenen Schrei ertönen, hängt mich ab, ich versuche noch hinter her zu kommen, aber es geht nicht mehr. Ein Stechen zieht sich durch meine Leiste, zehn Meter vor dem Ziel lasse ich ab.


Die beiden gehen, ich humpel zurück zum Ring. Noch die fünfzehn Liegestütze, dann lasse ich mich auf den Mattenboden vor den Boxsäcken fallen. Wow! Das war keine ruhige Trainingseinheit, doch ich habe durchgehalten.

Im Gehen kommt der Padholder noch zu mir, gibt mir die Hand „Nice to meet you!“. Vielleicht ist da etwas Anerkennung in der Stimme, vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, denn vielleicht war das nur eine ganz normale Einheit für die Wettkämpfer.


Für mich jedenfalls nicht. Die Nacht schlafe ich 14 Stunden am Stück, komme den ganzen nächsten Tag nicht aus dem Bett, habe Kopfschmerzen und fühle mich ausgelaugt. Der Körper ist eben doch noch nicht an die klimatischen Bedingungen gewöhnt. Den Sonntag verbringe ich auch zu Hause, fühle mich jedoch schon besser, auch wenn ich die Nacht fast gar nicht schlafen konnte. Die Hoffnung bleibt, dass die Anpassung so wenigstens schneller geht.

 

Felix – seit dem Montag danach wieder fit