05Sept
2013

30°C, 82% Luftfeuchtigkeit

Vorsichtig blinzel ich in den schon hellen Morgen hinein, es surrt und klingelt nervtötend irgendwo unter dem Bett. Missmutig drehe ich mich zur Seite und fische nach meinem Handy. Der Wecker verkündet in fröhlichem himmelblau: 06:15 Uhr. Ich reibe mir das Gesicht, setze mich auf, starre etwas abwesend aus dem Fenster. So ganz ohne Jetlag bin ich doch nicht davon gekommen, bevor ich einschlafen konnte lag ich noch lange wach und die Nacht selbst war unruhig, von Traumfetzen und Wachmomenten durchzogen. Was solls - denke ich mir - etwas Sport wird dem Körper helfen sich ein zu norden. Mit einer Kleinigkeit im Magen mache ich mich auf zum ersten Training: Muay Thai.

Joggen, warm-up, Schattenboxen, Boxsackeinheiten, Technikdrills. Bis hier hin alles im Rahmen des Möglichen, doch ich weiß noch vom letzten Jahr was in den ersten paar Trainingseinheiten, wenn der Körper noch nicht aklimatisiert ist, die Hölle ist: Das Pratzentraining.

Dem Training an den Pratzen wird in Thailand eine sehr viel höhere Bedeutung zugemessen als in Europa und ist somit fester Bestandteil nahezu jeder Trainingseinheit. Es ermöglicht dem Kämpfer Techniken mit voller Kraft auszuführen und vom Trainer korrigiert zu werden während er gleichzeitig unter einer wettkampfähnlichen konditionellen Belastung steht...

... mit diesen Hintergedanken kletter ich in den Ring. Vielleicht wird es ja nicht so schlimm wie erwartet, immerhin liegen zwischen meinem letzten Aufenthalt und diesem jetzt schon viel zu schwülen, stickigen Morgen ein ganzes Jahr Training und diverse Wettkämpfe. Man kann sich alles schön reden, es sollte kommen wie erwartet.


Die ersten Tritte klatschen noch krachend in die Pads, die Hände kommen schnell. Ich fühle mich gut, fühle mich fit, es macht mir Spaß endlich wieder hier sein zu dürfen, sich wieder voll auf den Sport zu konzentrieren. "Jab, Jab, Kick" brüllt Nat mich an, ein guter Kick, ein hartes Knie wird mit einem lauten "Ayyy!" belohnt. Ich beginne die Belastung zu spüren, ein erstes Ziehen in den Schultern, doch das ist nichts ungewöhnliches, schnell werfe ich einen Blick auf die Uhr: Es sind schon drei Minuten um. Kick, Punch, Jab, Teep, Jab, Jab "Double-Kick" – "Ayyy" ein lautes Piepen ruft zur Pause.

 

 

Zufrieden und mit in die Hüfte gestützten Armen gehe ich in die Ecke, schnaufe tief durch. Und da schlägt es ein wie ein Hammer: Ein flaues Gefühl im Magen, meine Knie werden weich, ein schwarzes Flackern vor den Augen. Wie eine Ohrfeige wischt es mir das Lächeln aus dem Gesicht, mit verzogener Miene lege ich mich in die Seile, der Schweiß auf Schultern und Brust fühlt sich plötzlich eiskalt an.
Das ist das besonders hinterhältige: Der Körper ist leistungsfähig, die Muskeln, die Sehnen, der Wille, der Leistungsgedanke – alles spielt mit, stellt verfügbare Energien bereit, doch was nicht mit macht ist der Kreislauf bei diesem Klima, wenn man nicht daran gewöhnt ist. Und der beschwert sich erst, wenn er zur Ruhe kommen soll, er Zeit zur Regeneration hat.

Noch 10 Sekunden Pause.

"Fifteeeeen Push Up!" ruft Nat. Stöhnend tue ich wie mir geheißen, durchstehen ist angesagt, ich fühle mich nicht gut. Die nächste Runde gehen wir auf meine Bitte ruhiger an, es ist gerade erst mein dritter Tag in Thailand erkläre ich. "Tired?" entgegnet Nat mit einem Grinsen.

Kraftlos finden meine Schienbeine ihren Weg auf die leuchtend rote Lederoberfläche der Pads, meine Reaktion ist langsam, Nat muss manchmal über deutlich anzeigen was zu tun ist. Meine Lungen füllen sich mit Luft, die sich anfühlt wie die in einer schwedischen Sauna, ich habe jetzt schon keine Lust auf das gleich eintretende Gefühl, wenn das Piepsen ertönt und Nat die Pratzen sinken lässt. Doch auch dieser Moment sollte kommen.

Ich lasse die Fäuste sinken und trabe in die Ringecke. Noch ehe ich angekommen bin erfasst mich eine Übelkeit wie nach einem Tritt in den Magen. Mit Armen und Kopf auf die Ringecke gestützt ringe ich nach Luft, versuche den Schwindel abzuschütteln. Für mich ist hier heute Ende, zumindest mit den Konditionseinheiten und bis ich mich wieder erholt habe.

Während ich mit einer Tasse eiskaltem Wasser am Ringrand sitze und einen besser aklimatisierten Trainingskollegen bei seiner dritten Runde Padwork beobachte, untermauere ich für mich selbst nochmal meinen Beschluss es in den ersten Tagen ruhig angehen zu lassen und nur einmal täglich zu trainieren um die Umgewöhnung angenehmer zu gestalten. Ich glaube egal wie fit man ist, unser Körper ist nicht dazu geschaffen binnen 11 Stunden Flug die Klima- und Zeitzone komplett zu wechseln.

Mit 2 Runden lockerem Sparring und 100 Knien zum Abschluss am Sandsack werde ich zu meinem wohl verdienten Frühstück entlassen.

 

Felix - ziemlich müde