Thailand - Train and Travel

"Wer keinen Mut zum Träumen hat, hat keine Kraft zum Kämpfen."

Berichte von 11/2013

23November
2013

24/7

 

Mein Gegner befindet sich direkt vor mir, nur knapp außerhalb meiner Reichweite. Doch ich sehe ihn nur verschwommen, ein undeutliches Bild. Vielleicht ist es auch gar kein Gegner, sondern ein Trainingspartner – ja: Die Umgebung ist strahlend hell, ein weißer Ringboden wie im Gym, aber ich sehe keine Details. Zwei Jabs des Anderen treffen auf meine Deckung, ich meide zur Seite, mache einen Schritt vorwärts, antworte mit zwei zaghaften Führhandschlägen, lehne mich zur Seite und ZACK! schicke einen schnellen linken Haken hinterher.

Ich atme stoßartig aus, blinzel kurz und finde meine Hand halb erhoben auf Höhe meines Bauches wieder. Ich habe gar nicht geschlagen. Ich stehe auch nicht im Ring. Ich liege auf meinem Bett. Schmuzelnd lasse ich meinen Arm wieder auf die Matratze sinken. Andauernd passiert mir das in letzter Zeit. Ob beim Einschlafen am Abend oder wenn ich nur in einen kurzen Mittagsschlaf wegdämmere: Schon immer hatte ich den Hang dazu kurz vorm Eintritt ins Land der Träume mit meinen Extremitäten zu zucken, neu ist allerdings, dass sich diese ungesteuerten Reize immer mit einem Traum vermischen.


Es ist jedes Mal das Boxen. Nie erträume ich Tritte in diesen Zwischenstadien zwischen Wachzustand und Schlaf – bisher regten sich auch meine Beine von Zeit zu Zeit unkontrolliert, doch auch das hat sich vollkommen auf die Arme verlagert.
Woran das wohl liegen mag?

Vielleicht daran, dass ich seit über zwei Wochen täglich zwei Einheiten reines Boxtraining absolviere, viel an den kleinen Fokuspratzen arbeite und massig mehrründiges Boxsparring mache. Wäre das ein Job würde man mir bestimmt attestieren ich wäre überarbeitet, ich könnte nicht abschalten, bekäme den Kopf nicht frei von der Arbeit und leide an irgendeiner verstressten Belastungsstörung.

Wenn ich so darüber nachdenke, ist es vielleicht sogar teils wahr, dass ich "den Kopf nicht frei bekomme". Nicht, dass sich meine Gedanken den ganzen Tag zwanghaft um den Sport drehen, ich verfolge in meiner Freizeit noch diverse andere Projekten wie das Thailernen (inzwischen bin ich an die American University Alumni gewechselt, wo ich täglich zwei Stunden Unterricht besuche), die Pflege meines liebgewonnenen Rennrads (nun habe ich auch gelernt wie man Lenkerband perfekt wickelt), der Perfektionierung der Ernährung und der Erweiterung meines Wissens dazu und natürlich dem Schreiben meines englischsprachigen Blogs (www.teamquestthailand-felix.blogspot.com), doch scheint der Sport nun auch in den tieferen Ebenen meines Bewusstseins angekommen zu sein.

Ich habe das Gefühl diesen Sport zu atmen: Das letzte Training ist erst wenige Stunden her und schon ist die Vorfreude auf die Nachmittagseinheit da. Wie kann ich meine Leistung steigern? Woran muss ich arbeiten? Was werde ich gleich besser machen als heute Morgen?

Es ist weder ein jedes Mal aufs Neue motivieren müssen sich zum Training aufzuraffen, noch ist es eine zwingende Routine. Der ganze Prozess fühlt sich natürlich an. Es fühlt sich richtig an, so muss es sein.

Neben diversen Träumen in denen ich entweder trainiere oder kämpfe (an die ich mich aber schon gewöhnt habe, da diese nicht neuerer Erscheinung sind) ist nun auch schon Techniktraining im Schlummermodus angesagt. Das ist kein schlechtes Zeichen, ich deute es als Erfolg: Mein Körper und mein Geist sind vereint auf das Training eingestellt. Ich gehe vollkommen in dem auf, was ich tue – ich liebe die Anstrengung, das Ausreizen der Kapazitäten, das Steigern der Leistungsfähigkeit. Ich liebe es meine Fortschritte zu sehen, die technischen Feinheiten werden sauberer, die Schläge härter, das Sparring erfolgreicher.

Grund genug nach verletzungsbedingter Wettkampfpause wieder in den Ring zu klettern: Der nächste Kampf ist bereits angesetzt. Um die besinnliche Zeit einzuläuten, kämpfe ich am ersten Dezember wieder Muay Thai. Endlich! Der letzte Kampf scheint Ewigkeiten her zu sein.

Erfüllte Grüße!
Felix

P.s.: Anstatt ein Video von mir beim Einschlafen zu drehen, habe ich beschlossen einen kleinen Eindruck vom letzten Wochenende in Bildform anzuhängen. Cliffjumping (für Anfänger) und Schwimmen im Red Mud Quarry, einem alten Steinbruch. Türkisblaues Wasser, Sonnenschein, Palmen und eine optimale Wassertemperatur - Entspannung vom Training für fortgeschrittene Genießer.

 

16November
2013

Der Titel

Bunte Lichterketten sind rechts und links der schmalen Straße gespannt, überall baumeln nackte Glühbirnen über den vielfältigen Auslagen der kleinen Stände. Hunderte Menschen, hauptsächlich Thais, tummeln sich zwischen Ballonverkäufern, mobilen, auf Roller geschraubten Grills und Spielbuden. Dröhnende Bässe dringen aus den überdimensionierten Boxen einer aufgestockten Tanzfläche herüber, deren Zugangstreppen von bedeutend dreinschauenden Polizisten mit "MP" Armbinden und Helmen bewacht werden.

Es ist Mittwochabend und wir sind mit einer Gruppe von ca. 20 Team Questllern, etwa eine halbe Autostunde außerhalb von Chiang Mai, auf einem Dorffest – kein gemütliches, kleines, ruhiges: Eines der größeren Sorte, einige Tausend Menschen sind bestimmt hier. Piak, der 17 jährige Muay Thai Kämpfer, wird heute Abend seinen bisher bedeutensten Kampf bestreiten – er tritt an um den Gürtel der Nordthailändischen Meisterschaft bis 50kg zu erringen.

 

Doch bis dahin dauert es noch etwas und wir vertreiben uns die Zeit indem wir über den Festplatz strolchen: Kokosnusssaft schlürfend bombardieren wir an dem einen Stand Ballons mit Pfeilen, manch einer recht zielsicher, ich eher mit fragwürdigem Erfolg, am nächsten schießen wir mit Plastiknoppen aus rostigen Gewehren auf kleine, kugelrunde, ziemlich unsportlich anmutende Plüschvögel. Adrien, der etliche Male im Lumphini Stadium in Bangkok, dem Mekka des Muay Thai, gekämpft hat, ist in der Szene nicht unbekannt und schüttelt mal hier mal dort Hände und nimmt beste Wünsche entgegen... vielleicht liegt es aber auch an dem Angry-Birds Luftballon der, an sein Handgelenk gebunden, über seinem Kopf schwebt. Da bin ich mir noch nicht so ganz sicher.

 

 

Die kirmesähnliche Veranstaltung (allerdings mit einer weit größeren Auswahl kulinarischer Köstlichkeiten als das westliche Pendant) ist brechend voll, die Tanzfläche bis auf den letzten Quadratmeter ausgenutzt, immer wieder steigen Khom Loys, thailändische Papierlaternen, auf und lassen sich noch lange als Lichtpunkte am nachtschwarzen Himmel verfolge. Feuerwerkskörper explodieren krachend und Raketen schießen pfeifend empor um schillernde Explosionen auf die Leinwand des Firmaments zu zaubern.


Als die Kämpfe schließlich beginnen ist unter all dem Lärm und Stimmengewirr die traditionelle Musik aus den, denen der Tanzfläche um ein vielfaches unterlegenen Boxen am Ring, nur undeutlich zu vernehmen. Doch das ist nebensächlich, denn schon der erste Kampf des Abends ist von hoher Qualität, einige hundert Zuschauer umringen des Spektakel und mit jeder fortschreitenden Runde werden die Reaktionen des Publikums emotionaler und heftiger.

Auch die zweite Paarung des Abends kann überzeugen, hektisches Stimmengewirr folgt auf die einheitlichen "UUUUIS!" der Menge nach einem guten Treffer, Hände zeigen Wetteinsätze und werden wild schwingend in alle Richtungen gehalten, auf der Suche nach einem Buchmacher der einsteigt.

Der dritte Kampf. Piaks Chance auf den Titel – als die Thais mitbekommen das die wenigen anwesenden Farang (das thailändisch Wort für Ausländer) reihenweise mit Wetteinsätzen einsteigen löst dies gerade zu eine Unruhe aus und Buchmacher und Wettende strömen gleichermaßen herbei. Die Einen um zu weiteren, höheren Einsätzen zu motivieren, die anderen, um, wild gestikulierend in Piaks Richtung deutend "This fighter good? This fighter good?" zu fragen.

 

Die Anspannung ist enorm. Es steht nicht nur ein Freund im Ring, es geht auch noch um einen bedeutenden Titel – als kleines i-Tüpfelchen ist auch noch Geld im Spiel. Die wohl intensivste Kombination einen Kampf zu erleben, wenn man nicht selbst in den Ring steigt.

Der Kampf toppt die vorangegangen noch einmal: Bereits in Runde eins gewinnt er nach kurzer Zeit an Fahrt und findet bereits mit dem Gong zur Pause seinen vorzeitigen Höhepunkt - der Team Quest Kämpfer wird schwer getroffen und geht bei nahe K.O.

Doch Piak beweist Herz und liefert sich eine fünf Runden Schlacht, ein Kopf an Kopf Rennen, die Menge tobt gegen Ende des Kampfes, die Wetteinsätze überschlagen sich. Jedes Knie im Clinch wird mit lauten Rufen quittiert. Ein verdammt guter Kampf, auf Augenhöhe – es ist unmöglich zu sagen, wer die Nase vorne hatte.

Bei der Urteilsverkündung sind meine Hände schweiß nass: Die Wertungen eines jeden Kampfrichters werden einzeln verkündet. Zu allgemeiner Enttäuschung unterliegt Piak mit einer Split Decision, einer geteilten Punktentscheidung. Manch einen übereifrigen Zocker hat der Abend eine gute Stange Geld gekostet, meine Verluste halten sich im Rahmen, aber mir wäre dieser Kampf sogar wesentlich mehr wert gewesen. Mit dieser Meinung bin ich nicht allein: Der Promoter hat bereits einen Rückkampf für Ende Dezember angesetzt – dann geht der Titel hoffentlich nach Chiang Mai.

Eine absolute Top Leistung von Piak, die ich euch nicht vorenthalten möchte:

 

Natürlich werde ich über den Rückkampf berichten! Mein Knie ist auf dem Weg der Besserung und so kann ich hoffentlich Ende des Monats auch endlich wieder in den Ring steigen.

 

Bestes aus der Sonne!
Felix

07November
2013

Trotz allem: Dieser Sport bleibt meine Liebe

Als ich mich zu den Klängen meines Handyweckers beginne im Bett zu regen fällt mir gleich etwas auf: Etwas ist da. Etwas ist neu. Etwas, das sich nicht angekündigt hat. Etwas, das ich nicht erwartet habe. Mein Knie fühlt sich steif an – vorsichtig drehe und strecke ich es. Das tut weh.
Missmutig wische ich mir den Schlaf aus den Augen und lange automatisiert nach dem Töpfchen Tigerbalsam auf dem Nachttisch.

Großzügig verteile ich das beißend riechende Wundermittel dort wo das Außenband am Knie entlang läuft. Zum Glück sind die Sinne noch nicht wach genug, dass ich das Kräuterextrakt in seiner vollen Geruchsintensität wahr nehme – das wäre morgens dann doch ein bisschen heftig. Wobei ich mich auf der anderen Seite schon an den konstant in der Luft stehenden Geruch diverser, natürlicher Heilsalben gewöhnt habe.

 

Aus meinen Trainingsjahren in Deutschland war mir das durchaus schon vertraut, dass man bei sechs Einheiten pro Woche tendenziell immer irgendwelche Wehwehchen hat. Man lernt nicht nur damit umzugehen, sondern auch immer besser auf seinen Körper zu hören und ganz nebenbei sammelt man eine Palette an erfolgreichen Behandlungs- und Rehabilitationsmethoden für diverse Verletzungen. Von Verstauchungen, zu Überdehnungen, zu Prellungen über blaue Flecken und Mattenbrand bis hin zu Tape- und Bandagiertechniken zur Stabilisation von Gelenken lernt man so ziemlich alles kennen.

 

Einen großen Schluck aus der Wasserflasche nehmend (hätte ich diese mal besser im Kühlschrank gelagert über Nacht – lauwarm – kein besonders erbauendes Geschmackserlebnis) rappel ich mich auf, schwinge die Beine aus dem Bett und setze mich auf. Fühlt sich eigentlich in Ordnung an: Kein pulsieren im Knie und kein schmerzhaftes Pochen beim Wechsel aus der Waagerechten in die Senkrechten. Vielleicht nur etwas angeschlagen vom Sparring gestern. Mit neu gefasstem Mut erhebe ich mich, belaste das Knie und versuche ein paar Schritte zu gehen.

 

Verdammt! Die Belastung schmerzt, ich kann das Bein weder voll durchstrecken noch anwinkeln – ärgerlich humpel ich grübelnd durch meine Wohnung wie das passiert sein könnte: Gestern Abend hatte ich keinerlei Beschwerden. Weder während des Muay Thai Sparrings bei dem mich wahrscheinlich ein Lowkick ins Knie getroffen hat, noch beim anschließenden Grapplingtraining. So muss das vom Sparring angeschlagene Außenband wohl durch das intensive Takedownstrainieren in der Einheit danach überreizt worden sein.

 

Bei zwei bis drei Trainingseinheiten pro Tag bekommt das ständige Verletztsein eine neue Qualität. Nun muss ich wirklich immer auf irgendetwas acht geben. Und auch, wenn man sich mal unter den Wettkämpfern umsieht: Jeder trägt sein Laster mit sich rum, die meisten tragen Badangen oder Stützverbände während des Trainings. Der Eine am Fuß, der Andere am Ellbogen.
Wenn es um eine Belastung auf Leistungsebene geht ist es wohl meistens nicht mehr gesund für den Körper, ob für den Triathlet, den Kugelstoßer oder den Sprinter. Der Kampfsport fordert nochmal seinen zusätzlichen Tribut durch das Sparring und Kämpfen – man kann sich nicht nur selber verletzen sondern andere arbeiten fleißig daran mit.

 

Trainieren kann ich so nicht. Auch, wenn es am nächsten Tag schon deutlich besser ist, möchte ich das Knie nicht den Belastungen des MMA Trainings aussetzen, weswegen ich statt dessen eine Tour mit meinem neuen Rennrad entlang des Ping, dem größten Fluss Chiang Mais, mache. Eine traumhafte Landschaft bietet sich mir hier und viel Ruhe – es tut gut eine andere Belastung zu fahren als sonst.

Liebe auf den ersten Blick - eine neu entdeckte, großartige Sportart zum Ausgleich


Trotz des Wochenendes und konsequenten Schonens bin ich die Schmerzen noch nicht los geworden. Doch ich sehe es als Chance: Diese Woche konzentriere ich mich voll und ganz auf die Verfeinerung meiner Boxfertigkeiten und lasse jegliche Belastung auf das Knie weg, mit Ausnahme des Fahrradfahrens.

Dieser wundervolle Sport mag vielleicht nicht der schonenste sein, aber ist er so facettenreich, dass es zu fast jeder Verletzung ein Ausweichprogramm gibt.
Wenn diese Verletzung ausgeheilt ist, kann ich auch endlich wieder in Richtung des nächsten Wettkampfes blicken – ich halte euch auf dem Laufenden!