Thailand - Train and Travel

"Wer keinen Mut zum Träumen hat, hat keine Kraft zum Kämpfen."

Berichte von 09/2013

30Sept
2013

Fight!

Es ist bereits dunkel als ich durch die Schiebetür des Massagesalons nach draußen trete. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass es noch ungefähr zwei Stunden sind bis ich in den Ring steigen werde. Die letzten zwei Tage habe ich mich ausgeruht, mich mit anderen Sachen als dem Sport beschäftigt, über thailändische Kultur gelesen, mir in der Stadt, nach langem Suchen in einem Gebrauchtbücherladen, eine Übersetzung der traditionellen, thailändischen Ramakian Sage gekauft. Mein Körper und mein Geist sind vollkommen entspannt, die Thaimassage hat dieses Gefühl nochmal verstärkt.


Auf dem Weg die Straße runter kaufe ich noch Bananen, etwas zu trinken, genieße die angenehme Wärme des Abends, der die Hitze der Nachmittagssonne verdrängt. In der Wohnung angekommen schalte ich den Laptop ein, spiele das eineinhalb stündige Best of Ramon Dekkers, einer Legende ds Thaiboxens, ab und beginne dabei meine Tasche zu packen. Tape, Bandagen, Vaseline, Thaiöl – alles da? Ramon Dekkers vernichtende Körper- und Kopfhakenkombinationen schicken einen Gegner zu Boden. Shorts, Tief- und Mundschutz, Wasser, Fußgelenkbandagen.
Der Holländer Dekkers scheint im Ring nur eine Richtung zu kennen: Vorwärts. Mit brachialen Middlekicks arbeitet er sich heran, schließt ab mit schnellen Uppercuts und Knien.
Ich schmeiße ein Handtuch und frische Klamotten in den Rucksack, atme tief aus – ein leises Kribbeln macht sich in den Knien und den Fingerspitzen breit, zufrieden genieße ich das Gefühl der steigenden Nervosität. Es ist wieder so weit, der Körper schaltet in den Kampfmodus um.

Kru Nee sitzt mit Josh an einem der Tische auf dem Vorhof des Gyms und vernichtet diesen gerade in der vierten Runde Kartenspielen. Eigentlich wollten wir schon vor einer viertel Stunde fahren, aber der Thai sieht keinen Anlass zur Hektik: "90% you fight last fight. Maybe second last one." Schulterzuckend nehme ich das hin, so ist die thailändische Lebensart eben: Sabai, Sabai. Wenn man mit einer Attitüde hier nicht weiter kommt, dann ist es Hektik.


Etwa 20 Minuten nach offiziellem Veranstaltungsbeginn kommen wir am Loikroh Boxing Stadium an, die Zuschauerreihen sind bereits gut gefüllt, doch nur weil auf den Flyern steht es ginge um 21:00 Uhr los, muss man sich als Veranstalter ja nicht davon hetzen lassen. Wir treffen auf mehr Team Questler, ein paar Freunde von mir aus Chiang Mai sind auch gekommen.

Leider lag Nee mit seinem 90% Tipp doch nicht so richtig, ich bin bereits als dritter dran heute Abend, was das Tapen und Umziehen schließlich etwas hektisch gestaltet.

Ich liege auf einer dünnen Bambusmatte auf dem Boden des Stadiums, über meinem Gesicht ein Handtuch, Piak und Nee massieren meinen gesamten Körper mit Thaiöl, hektisches Stimmengewirr meiner Trainer, das traditionelle Surren der Thai Musik erfüllt das überdachte Stadion, Zuschauerrufe mischen sich mit dem Klatschen einschlagender Tritte im Ring, dazu elektronische Musik aus den, den Ring umgebenden Bars, lachende Barmädchen und hitzige Disskusionen der wettenden Thais.

Nee kommandiert mich aufzustehen, Dylan reibt mein Gesicht mit Vaseline ein, der zweite Kampf läuft bereits, das Thaiöl erhitzt meinen ganzen Körper mit einem angenehmen Brennen, Piak massiert meine Arme, die Hände sind mit Tape und Bandagen geschützt und gefestigt, harte Aufbauten aus zusammen gerolltem Tape verstärken meine Knöchel. Auf dem Fernseher einer der Bars verfolge ich abwesend ein Fußballspiel, alles um mich herum wirkt so weit weg. Der dritte Kampf wird angekündigt. Das Team hilft mir in die Handschuhe, ich fühle mich nicht gehetzt, bin in freudiger Erwartung.

Dann spüre ich mich plötzlich über die Ringseile klettern, drehe eine kurze Runde durch den Ring, verbeuge mich zu allen Seiten zum klatschenden Publikum. Irgendwo ruft jemand "Where are you from?", ich muss grinsen, fühle mich wohl hier wo ich bin, mein thailändischer Gegner grinst ebenfalls zu mir herüber, wir nicken einander zu. Während er beginnt den Wai Kru zu tanzen, die traditionelle Eröffnung eines jeden Muay Thai Kampfes, gehe ich die Seile ab und verneige mich in jeder Ringecke. Wir werden in die Mitte gerufen. Ready? Fight!

Wir beginnen ruhig, tauschen einige Tritte und Schläge aus, er landet mal einen guten Treffer, dann ich wieder. Einem eingedrehten Ellbogen entgehe ich mit eng zusammen gezogen Unterarmen, als Antwort setze ich in eine einfache Schlagkombination mehr Vorwärtsdruck, er weicht zurück, ich treffe ihn, seine Deckung ist offen. Er will nicht mit mir Boxen, tritt Highkicks. Diese landen zwar nur in meiner Deckung, schütteln mich aber dennoch gut durch. Ich antworte mit Middlekicks in Richtung seiner Rippen, er schützt sich mit den Unterarmen, dann versuche auch ich Highkicks doch treffe ebenfalls nur seine Deckung. Einmal bringe ich ihn aus dem Gleichgewicht als ich einen seiner Tritte fange, er landet rücklings auf dem Ringboden, unsere Blicke treffen sich und wir grinsen einander an. Wir haben Spaß. Und es ist bisher sehr ausgeglichen.



Es schellt zur Pause, Nee massiert meine Beine und überschüttet mich mit kaltem Wasser, Dylan coacht mich: "Pass auf die Deckung auf, lass die Hände oben." - er gibt mir etwas zu trinken – "Benutz deinen Frontkick mehr, lass ihn auflaufen. Und du siehst: Er mag deine Schläge nicht. Geh damit mehr rein, Kombinationen, der will nicht Boxen." Es schellt wieder, Dylan schiebt meinen Mundschutz wieder zwischen meine Zähne "Have fun, man!".

 

Die zweite Runde ist intensiver, gewinnt an Schnelligkeit, immer öfter kann ich vor allem mit Schlägen treffen, er sucht öfter den Clinch, doch wir können beide keine klaren Aktionen setzen und werden wieder getrennt. Ich beginne aktiver zu sein, gehe öfter nach vorne, in einer ungestümen Vorwärtsbewegung nach einem Tritt von mir, kann ich ihn zwei mal hintereinander mit einem rechten Aufwärtshaken ins Gesicht treffen.

 

Einige Tritte von ihm treffen mich, ich gehe in seinem Angriff nach vorne, er steht mit dem Rücken zur Ringecke, mit einer Boxkombination treffe ich ihn mehrmahl ans Kinn, plötzlich fällt er zu Boden, dreht sich mit verzogenem Gesicht auf den Rücken, der Referee springt dazwischen, Trainer klettern in den Ring. Fragend drehe ich mich zu meinem Team um. War es das?
Der Referee packt mich am Handgelenk und hebt meine Hand: "Knockout."

Etwas verwirrt klettere ich durch die Ringseile, bedanke mich beim Publikum, nehme die Gratulationen des Teams entgegen. Mich lässt die Frage nicht los, ob ich ihn wirklich hart genug getroffen habe, oder ob er nicht mehr kämpfen wollte, ich war ihm überlegen, vielleicht hat er mich unterschätzt.

Mit Freunden aus der Thai- und Englischschule fahre ich noch etwas Essen, plage mich noch eine Zeit mit dem Gedanken rum ob es ein echter Knockout war, bis ich zu dem Schluss komme: Ob K.O. oder faktisch Aufgabe, ich war ihm überlegen, bin technisch mit mir zufrieden, mein linkes Schienbein kann ein Lied davon singen, dass er sich gewehrt hat, ich bin unverletzt, habe mehr Ringerfahrung gesammelt und hatte vor allem Spaß. Und nicht zu letzt: Das war erst das erste Mal, dass ich hier gekämpft habe. Kann ich mehr wollen?

Ich bitte zu beachten, dass ich den Kampf nach meinem subjektiven Empfinden und Erinnerungen, sowie der Einschätzung von Teamkollegen verfasst habe. Das ist das was ich erlebt habe, nicht wie es nüchtern betrachtet wirklich gewesen sein mag. Nach dem Kampf konnte ich mich nicht mal mehr erinnern, wodurch ich ihn beendet habe. Wer selbst schon mal gekämpft hat weiß, wie verändert die Wahrnehmung ist, wenn man sich in einem Vollkontaktkampf befindet.
Wenn ich Glück habe folgt noch ein Video.

Herzlichen Dank für die Bilder an: Paul Thompson Fight Photography (like him on facebook!)

26Sept
2013

Tritte, Schläge, Schmetterling.

Die Morgenluft ist für thailändische Verhältnisse angenehm kühl. Der Himmel ist von leichten Wolken verhangen, noch ducken sich die sengenden Sonnenstrahlen nur knapp irgendwo über den Horizont. Links und rechts pendeln wir unter dem quer über die Mattenfläche gespannten Seil vorbei, schlagen einfache Kombinationen in die Luft, verlagern unser Gewicht und tauchen unter Haken eines imaginären Gegners hinweg.

Es ist das vorletzte Training für mich bevor ich am Sonntag in den Ring steige. Gestern Abend sind wir gemeinsam zum Loikroh Stadium gefahren um den jungen Thai, Piak, bei seinem Kampf zu unterstützen. Als ich mit Josh, Joel und dessen Freundin ankomme treffen wir zwar ein halbes Dutzend anderer Team Questler die schon vor Ort sind, vom Kämpfer fehlt jedoch noch jede Spur. Genau wie von den thailändischen Coaches. Wozu auch die Hektik, wenn Piaks Kampf erst der zweite des Abends ist.

Das Boxtraining nimmt seinen Lauf, wir arbeiten an Kombinationen - wir überbrücken die Distanz zu unserem Trainingspartner mit zwei schnellen Führhandschlägen, meiden dessen Konter und kommen mit einer harten Uppercut-Haken Kombination wieder. Ganz unbekümmert von ineinander klatschenden Boxhandschuhen, scharf ausgeatmeter Luft und spritzendem Schweiß gleitet ein ultra-marin blauer Schmetterling durch den Ring. Lässt sich mal auf den Pfosten der Ringecken nieder, mal auf dem Wasserspender, verschwindet für einige Minuten nur um kurze Zeit später seinen morgendlichen Spazierflug zwischen den Trainierenden fortzusetzen.

Es hat etwas irritierendes, wenn man sich mit brennenden Schultern darauf zu konzentrieren versucht die Muskulatur mit einem kleinen Schritt aus der Linie des Gegner aufzuziehen um möglichst viel Kraft in den Aufwärtshaken setzen zu können während im Augenwinkel, vollkommen lautlos, solch ein graziles Wesen vorbei schwebt. Mich beschleicht das Gefühl die Natur wolle mit einem Augenzwinkern sagen: Was machst du da eigentlich?

Doch noch vor Beginn des ersten Kampfes tauchen Piak und die restlichen Thais, seelenruhig Fruchtshakes schlürfend, auf. Noch während die Hände getaped werden, beginnt der erste Kampf – und ist fast genau so schnell wieder vorbei. Dann kommt doch noch eine gewissen Hektik auf, vier paar Hände hantieren gleichzeitig an Piak, binden den Tiefschutz, schützen sein Gesicht mit Vaseline vor Cuts und reiben ihn von Kopf bis Fuß mit dem durchblutungsfördernden, wärmenden Thaiöl ein. Zum Aufwärmen fehlt die Zeit.

Wir liegen uns im Ring gegenüber, die Beine mit dem Partner ineinander verschränkt, machen gleichzeitig Situps und schlagen am höchsten Punkt Geraden in die offenen Handflächen des anderen. Der Coach lehnt in der Ringecke und erklärt uns wie glücklich wir mit unserer Situation sein sollten: "Je anstrengender, desto besser. So sind wir schneller durch. Wenn ihr euch nicht reinhängt müssen wir das den ganzen Tag machen!". Niemand zählt mit, wir arbeiten gegen die Uhr. Nur wie lange ist uns unbekannt. Es wird zunehmend anstrengender, unbewusst beginnt man die Übung einfacher zu gestalten, Schlupflöcher zu finden. "Hey! Ich will hier keine Schultern auf dem Boden sehen, die bleiben in der Luft! Oder möchte hier wer zugeben ein Weichei zu sein?". Selbst wenn man dies für den Bruchteil einer Sekunde in Erwägung gezogen haben sollte, muss man feststellen, dass es wohl eine rhetorische Frage war.

Die Ringglocke läutet, Piak und sein Gegner beginnen den Kampf wie für Thais typisch, sehr ruhig, vorsichtiges Abtasten, vereinzelte Kicks. Doch bereits nach zehn oder zwanzig Sekunden gewinnt das Geschehen an Intensität und Geschwindigkeit. Harte Knie im Clinch, gut gesetzte Low- und Middlekicks, ein sehr ausgewogenes Duell zeichnet sich ab.

"Okay! Noch 30 Sekunden, ich will Einsatz sehen!". Der Schmetterling ist verschwunden, wahrscheinlich ermüdet von der minutenlangen, eintönigen Schinderei.

Es ist vielleicht eine Minute vorbei, vielleicht etwas mehr und der Team Quest Kämpfer geht in die Offensive. Seinem Gegner fällt es schwer dem Vorwärtsgang, gepaart mit brachialen Knien und Ellbogen zu entgehen, er befindet sich zunehmend in der Defensive. Piak schlägt eine Gerade zum Kopf, sein Kontrahent zieht die Deckung hoch und wird sogleich von einem harten Tritt in die Rippen getroffen. Auf der rechten Körperseite, da wo die Leber sitzt. Sofort bricht er zusammen, der Referee beugt sich über ihn, ein prüfender Blick, die Trainer eilen herbei: Sieg für Piak in der ersten Rund durch K.O.

Ich atme auf, das Training ist vorüber. Beim Dehnen beobachtet mich auch der Schmetterling wieder. Die Morgensonne ist inzwischen hoch aufgestiegen und scheint strahlend auf den Vorhof des Trainingsgeländes – erschöpft lasse ich mich in einen herum liegenden Lkw Reifen fallen. Eine halbe Stunde liege ich so da, die warmen gelb-orange Töne der Sonne dringen durch die geschlossenen Lider, ein leichter Wind bläst kühlend über den von feinen Schweißperlen bedeckten Oberkörper. Ich genieße die eingekehrte Ruhe, komme nach der Anstrengung zur Ruhe und lausche dem Konzert von hunderten Vögeln, die im Geäst der nahe gelegenen Bäume sitzen.

Schmunzelnd muss ich an den Vorabend denken: Von mir aus kann mein Kampf am Sonntag auch so laufen.

Es war mir leider nicht möglich, den Originalschmetterling aus dem Post fotographisch festzuhalten, finde das Bild von seinem Artgenossen aber trotzdem gelungen.

22Sept
2013

"Are you ready, Fighter?"

--- Wer sich UFC 165 noch nicht zu Gemüte geführt hat, braucht sich nicht zu sorgen, es lässt sich auf kein Ergebnis eines Kampfes schließen durch was ich geschrieben habe. Um den Lesefluss aufrecht zu erhalten habe ich teils fiktive Kämpfernamen verwendet ---

 

"IIIIIITS TIIIIIMEEEEE!" ruft der Ringsprecher der UFC, Bruce Buffer, seine legendäre Eröffnung einem Publikum von fast 20.000 im Air Canada Center in Toronto entgegen und auch einer kleinen Gruppe von MMA Enthusiasten, die sich Sonntag Morgens um 09:00 Uhr im Irish Pub in Chiang Mai versammelt haben. Fast das gesamte Wettkampfteam hat sich aufgemacht dieses Event live am Bildschirm zu verfolgen, mit dem Schweden Alexander Gustafsson besteht wieder die Chance einen Gürtel der mit Abstand bedeutensten MMA Organisation der Welt nach Europa zu holen.

Sonntag ist nicht nur trainingsfrei, es ist auch Cheat-day - die Athleten die für anstehende Kämpfe Gewicht machen müssen dürfen heute auch die kalorienreichen, weniger gesunden kulinarischen Errungenschaften unserer Zivilisation genießen. Bei Fish and Chips, Bacon and Eggs und Erdbeertoast verfolgen wir die explosiven Kämpfe.

Meinen frisch gepressten Orangensaft schlürfend sinne ich an die vergangenen Tage zurück: Hinter uns liegt eine harte Woche Training, für mich war es die erste in der ich zwei Einheiten pro Tag absolviert habe. Jeder Wochentag beginnt mit einem spezifischen Teilbereichtraining für MMA: 2 Tage Boxen, 2 mal Ground and Pound (das Schlagen am Boden), 2 mal Sparring – Übungskämpfe. Nachmittags wechseln sich Grappling (reiner, ringerischer Kampf) und Muay Thai ab. Mit welcher Geschwindigkeit sich mein Körper an Klima und Belastung angepasst hat überrascht mich, erst Donnerstag Morgen, nach einer ein-einhalb stündigen Takedown Tortur am Abend zuvor, fühlt er sich nicht mehr taufrisch an und der Muskelkater beginnt ein ständiger Begleiter zu werden. Die Sprints sind wie befürchtet normaler Trainingsalltag und wechseln sich nach dem Muay Thai mit Kraftausdauerübungen ab.

 "Damn! This is tight!", ertönt Joe Rogans markante Stimme aus den Lautsprechern des Fernsehers. "And Heee puts him asleeep!". Im Schwergewicht verpasst ein Kämpfer den letzten Moment abzuklopfen und wird schlafen geschickt, der Referee springt dazwischen. Applaus und anerkennende Rufe erfüllen den mit irischen Rugby und Fußballtrikots dekorierten Raum.

Das hausgemachte, noch warme Brot war auf jeden Fall sein Investition von knapp 50 Cent wert, denke ich mir schmuzelnd und nehme noch einen großen Bissen. Generell läuft es bisher traumhaft für mich: Mit meinem Leistungsniveau habe ich bei Team Quest genau ins Schwarze getroffen. Die Trainingsgruppe ist meistens maximal 10 Mann stark, die Aufmerksamkeit der Trainer ist gesichert. Während die vom Gym gesponserten Pro´s mich mit moderatem Einsatz verpacken, liefere ich mir mit einer weiteren Hand voll Wettkämpfer sowohl im Stand als auch am Boden Duelle auf Augenhöhe und weniger erfahrene Sportler bieten die Möglichkeit an technischen Finessen zu feilen. Wie bereits die lebende Legende des Sportes Forrest Griffin in seinem Buch "Got Fight?" schreibt: "You want to be somewhere in the middle!".

Mike Miller verschätzt sich was das Ziel des Spinning Backkicks seines Gegners angeht, taucht genau hinein. Die Ferse trifft aus der vollen 360° Drehung auf seine Schläfe, ""IIIIT´s AAALLL over!" brüllt der Kommentator als Miller auf die Bretter geht. Histerische "OOOOOH!" und "God damn it! Awesome!" -Rufe bringen zusammen mit klatschenden Händen den Raum zum erbeben.

Als Kämpfer ist es ein berauschendes Gefühl, wenn man das Publikum begeistern kann. Auch ich werde demnächst wieder meine Chance dazu bekommen: Für den 29., nächsten Sonntag, ist ein Muay Thai Kampf für mich hier in Chiang Mai angesetzt. Schon letzte Woche sind die Trainer an mich heran getreten, eigentlich hätte ich bereits heute in den Ring steigen sollen, die lokalen Promoter haben den Kampf dann erst auf den 25. und jetzt den 29. verschoben. Ich freue mich, mich endlich wieder dieser Herausforderung stellen zu dürfen und das auch noch im Heimatland dieses wundervollen Sportes.


Der Hauptkampf hält was er verspricht, alle fiebern mit, die Luft knistert, Beine wippen unruhig auf Barhockern auf und ab, die allgemeine Anspannung ist zu spüren. Kann Gustafsson die Sensation schaffen und Jon "Bones" Jones den Titel entreißen oder wird der amtierende Champ ein weiteres Mal mit dem Gürtel über der Schulter aus dem Octagon steigen? Jeder Treffer wird frenetisch gefeiert, analysiert, Einschätzungen abgegeben, riskante Aktionen respektvoll be-"wow"-ed. "His defense is astonishing!", "This guy is an animal", und "Come on Gustafsson! I believe in you!" sind zu hören.

Die Spiegelneuronen tuen ihren Dienst, die Hände werden schwitzig, im Hinterkopf habe ich bereits den nächsten Morgen: Das Training geht weiter und die letzte Woche vor meinem ersten Kampf auf thailändischem Boden wird damit eingeläutet. Ich bin top fit und vorbereitet. Nach inzwischen 20 Tagen in Thailand und täglichem Training verspüre ich wieder diesen gewissen Hunger...

 

Das Ergebnis des Hauptkampfes von UFC 165 kann ergoogeln wer möchte, ich verärgere die Leser ungern, die das Event noch gucken möchten, denn es lohnt sich wirklich.

 

Felix – zurück von der Sonntagsmassage

15Sept
2013

Ein Morgen

Tief hole ich Luft, strecke meine Arme und Beine so weit es geht von mir, die Oberschenkel ziehen leicht doch fühlen sich dann herrlich befreit an, als die Streckung nachlässt und der Muskelkater wieder entspannt. Gähnend werfe ich einen Blick auf das Display meines Handys: Sonntag Morgen, halb zwölf, trainingsfreier Tag. Der Ventilator trägt eine erfrischende Brise von der offenen Balkontür herein, der Himmel ist Wolken verhangen, die Temperatur angenehm. Bevor ich aufstehe überlege ich mir noch, ob es etwas wichtiges zu erledigen gibt oder etwas, über das ich mich sorgen könnte. Nach kurzem Grübeln komme ich zu dem Entschluss: Nein. Da ist nichts.

Unter der Dusche befasse ich mich mit der schweren Entscheidung wo ich denn mein Frühstück genießen soll, und vor allem was? Ich könnte gegenüber meiner Wohnung erstmal einen Ice Coffee zum Mitnehmen holen und diesen schlürfend die Straße runter schlendern. Da eröffnen sich dann wenige Meter weiter in der Kurve rechts und links die Möglichkeit nach frietierten Hühnchenschenkeln, -Füßen, Flügeln und Schweinefleischpatties oder geräucherter Fisch am Spieß. So als Appetizer vielleicht gar nicht schlecht.

Neben dem Hühnchenstand gibt es köstliche Suppen, aber danach ist mir heute Morgen nicht. Ein Stückchen weiter die Straße hoch gäbe es dann die ganze Palette: Vom klassischen Pad Thai bis zu gebratenen Meeresfrüchten, Reis mit in Zwiebeln geröstetem Schweineflisch oder Nudeln mit knackig-frischem Gemüse aus dem Wok mit knuspriger Ente, dazu vielleicht einen Dragonfruit-Shake, frisch zubereitet?

Doch mein kulinarischer Tagesbeginn wird von den Eigenheiten der Regenzeit erstmal ein wenig nach hinten verschoben, in der Zwischenzeit mache ich mich mit Nadel und Faden an dem gerissenen Riemen meines Rucksacks zu schaffen. Mit dem Wissen konstruktiv gewesen zu sein mache ich mich auf den Weg, entscheide mich für süß-scharfe Bandnudeln mit Tofu und Hühnchen und werde sogleich in meinem Sonntäglichen Müßiggang von einer neuen Idee heimgesucht: Mein zwickender Trapezmuskel hat etwas gesichtet: Den Thaimassagesalon, keine 400 Meter von meiner Wohnung, gegenüber von der Garküche meiner Wahl heute morgen.

Es bestätigt sich mal wieder, dass es in jeder Hinsicht besser ist in einem Thaiviertel zu leben anstatt im Touristenzentrum, wie letztes Jahr. Man kommt einfacher mit den Menschen ins Gespräch, alles ist günstiger, thailändischer und wie ich auch an der Massage feststellen muss einfach irgendwie besser. Vielleicht "echter"? Zu entspannender Musik und Vogelgezwitscher wird meine Muskulatur erst mit ätherischen Ölen erwärmt, dann durchgeknetet, gedehnt, die Gelenke gekreist und gerüttelt, geknackt und verbogen. Der Muskelkater schleicht davon und wird ersetzt von tiefster Entspannung, zum Abschied unterhalte ich mich bei einer Tasse thailändischem Gewürztee noch mit der Salonbesitzerin und verspreche meine baldige Rückkehr.

Mein Bemühen ein wenig Thai zu sprechen, wird überall freudig aufgenommen und ob Garküchenbesitzer oder Keksbäckerin, jeder gibt sich Mühe meinen Wortschatz zu erweitern. Mit getrockneten Dragonfruitchips und gesüßten Trockenbananen mache ich mich auf den Rückweg zu meiner Wohnung, nicht ohne noch ein halbes fritiertes Hühnchen und einen Ice Coffee mitzunehmen. Ich freue mich jetzt schon auf die anstehende Woche in der ich beginnen werde zwei Mal täglich zu trainieren.

Und für nächstes Wochenende zeichnet sich schon etwas besonderes am Horizont ab, aber dazu die Tage mehr.

 

Felix – mit hochgelegten Beinen

 

Hier findet ihr ein paar Eindrücke von "meiner" Straße und Gegend, u.a. einige der beschriebenen Garküchen und der Blick vom Balkon in den morgendlichen Regenguss.

06Sept
2013

Alles hat einen Preis

--- dies ist die Fortsetzung des letzten Eintrags ---

 

(… Ich hebe meine Hände in die Deckung, wippe leicht auf den Zehenspitzen von Fuß zu Fuß, bringe mich in die richtige Distanz, schüttel noch einmal mein linkes Bein aus, fokussiere mich auf die Pads...)
… und beginne meinen Zirkel. 1, 2, 3, 4, 5 „Eeeeeehhh!“, 6, 7 „Noooo!“, fragend drehe ich mich zur Seite. Mit ernst zusammen gezogenen Augenbrauen, die Stirn ärgerlich in Falten gelegt steigt der jüngste der Trainer durch die Ringseile: „Not like this!“ Er greift nach meiner Deckungshand und zieht sie energisch auf die andere Seite meines Kopfes. „Like this!“. Etwas verdutzt starre ich ihn an. Aber was ist denn dann mit der etwaigen Führungshand des Gegners? Dann bin ich doch offen für dessen Konter? Als hätte er meinen Gedanken erraten und als wäre es einer der einfältigsten, den er je gehört habe, geht er einen Schritt zurück und zieht seinen Fuß locker auf Höhe meines Kopfes: „You kick and your opponent answers with a headkick. Boom! Knockout!“.

Langsam wiederhole ich die gezeigte Bewegung um sie mir einzuprägen. Er nickt knapp und verlässt die Ringfläche wieder, dann wende ich mich wieder den Pratzen zu. Beginne von neuem. Der Boxhandschuh fliegt mehr als einmal auf der falschen Seite meines Sichtfeldes vorbei, doch die Konzentration auf dieses kleine Detail macht es einfacher die Anstrengung zu vergessen. Zwanzig.

Der Jüngere ist wieder dran, er zeigt keine Müdigkeit, ich wende mich ab, ziehe die Luft tief ein, spucke aus dem Ring. Dreißig. Meine nächste Runde, das andere Bein. Zwanzig. Er wieder. Dreißig. Der Padholder kommt wieder in meine Ecke „Thirty! Come on!“ - „Ay! Ay! Ay! Fifteen! Come on!“. Ein kleiner Schritt aus der Linie des Gegners, die Bauchmuskulatur spannt sich an, ein kurzes Gegenrotieren des Oberkörpers, die Hüfte rückt mechanisch nach vorne, das angewinkelte Bein zieht nach oben, der Fußballen des Standbeins dreht sich über den rauen, von Schweiß, Dreck und Blut ergrauten Segeltuchboden des Rings. Eine vereinte Rotation des ganzen Körpers beschleunigt das Schienbein, das Kniegelenk lässt es los, es schnappt aus und schlägt, einen feinen Sprühregen aus Schweiß über den Boden verteilend, in den Pratzen ein.

 Er wieder. 40. Die letzte Runde steht bevor. Dubletten: Zwei schnelle Tritte, gezählt als eine Wiederholung. Zähne zusammen beißen und in vollen Zügen genießen ist jetzt die Devise. Wiederholung 15 – 20 sind nur noch als symbolische Tritte zu werten, doch es ist geschafft, die Extrarunden durchgestanden, ich habe mich sportlich ein Stück weiter gebracht, das Training erfolgreich abgeschlossen.

Beim Abbandagieren beginne ich mit dem Dehnen, sinke gegen eine der Säulen, die das Blechdach der offenen Trainingsfläche hält...

 

 

... bis ich aus meiner seelischen Ruhe gerissen werde: "Faster, faster!" - Ich gucke fragend hoch: Ein Arm vor meiner Nase, meine Augen folgen diesem Richtung ausgestrecktem Zeigefinger und von dort aus auf mein Paar Sportschuhe. Sportschuhe – Finger – Traineraugen – Sportschuhe. "Running?" frage ich ungläubig. Wieder ein kurzes Nicken.

Jetzt noch Grundlagenausdauer? Nicht das nach dem ich mich jetzt sehne (das sind eher drei Eimer eiskaltes Wasser, eine Dusche und eine Platte feldfrischer, exotischer Früchte), aber es macht nicht den Eindruck, als wäre das Laufen eine Option. Noch während ich meine Füße mit den Schuhen ausrüste sickert die erschreckende Wahrheit langsam zu mir durch: Wir werden nicht laufen gehen. Wir machen Sprinttraining.

Der Padholder schließt sich uns an und wir beginnen zu dritt mit Steigerungsläufen auf der ungefähr 100m langen Betonbahn des Gyms. Nach jeder Bahn Liegestütze, dann Kniehebelauf und Seitwärtsschritte. Nat beordert uns an eine der groben, unebenen Fugen der mehrere Meter messenden Platten unserer Laufbahn. Mit einem gelben Plastikstab hält er uns auf einer Höhe, wie Rennpferde in der Box vorm Start. Er erklärt uns die Regeln – wir drei nutzen die kurze Verschnaufpause um wieder zu Kräften zu kommen: Vollsprints. Drei mal. Je schlechter die Platzierung, desto mehr Liegestütze zwischen den Runden.

Wir gehen in Startposition, die Knie leicht gebeugt, den Oberkörper nach vorne gekippt, den vorderen Fuß so weit wie möglich an die Betonnaht heran gesetzt um gar keinen Zentimeter zu verschenken. „Ready? Go!“ Wir stürzen vorwärts, keiner will die 15 Strafliegestütze machen, nach der Hälfte fällt der Jüngste zurück, zehn Meter vor dem Ziel kann ich die entscheidenden Meter gut machen. Erleichtert lasse ich auslaufen, nur fünf Liegestütze also. Doch mein Oberschenkel zwickt. Wir joggen zurück zum Start. Ich spüre die Erschöpfung, die beiden anderen sahen auch schon mal glücklicher aus.

 Runde zwei. Ich versuche alles zu geben, doch die Beine wollen nicht mehr, gerade so schaffe ich noch den zweiten Platz. Zehn Liegestütze. Jetzt will ich nicht mehr, das Ziehen ist stärker geworden, ich massiere mir den zitternden Muskel.

Die letzte Runde. Der Schweiß tropft uns von den Nasenspitzen auf die Schuhe, ich atme stoßartig, auf die anderen achte ich nicht mehr. Auf Kommando versuche ich alle noch vorhandenen Reserven bereit zu stellen, der Junge zieht davon, bis zur Hälfte halte ich mit verzogenem Gesicht mit, ein kurzer Seitenblick des Padholders, er macht einen Satz nach vorne, lässt einen verbissenen Schrei ertönen, hängt mich ab, ich versuche noch hinter her zu kommen, aber es geht nicht mehr. Ein Stechen zieht sich durch meine Leiste, zehn Meter vor dem Ziel lasse ich ab.


Die beiden gehen, ich humpel zurück zum Ring. Noch die fünfzehn Liegestütze, dann lasse ich mich auf den Mattenboden vor den Boxsäcken fallen. Wow! Das war keine ruhige Trainingseinheit, doch ich habe durchgehalten.

Im Gehen kommt der Padholder noch zu mir, gibt mir die Hand „Nice to meet you!“. Vielleicht ist da etwas Anerkennung in der Stimme, vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, denn vielleicht war das nur eine ganz normale Einheit für die Wettkämpfer.


Für mich jedenfalls nicht. Die Nacht schlafe ich 14 Stunden am Stück, komme den ganzen nächsten Tag nicht aus dem Bett, habe Kopfschmerzen und fühle mich ausgelaugt. Der Körper ist eben doch noch nicht an die klimatischen Bedingungen gewöhnt. Den Sonntag verbringe ich auch zu Hause, fühle mich jedoch schon besser, auch wenn ich die Nacht fast gar nicht schlafen konnte. Die Hoffnung bleibt, dass die Anpassung so wenigstens schneller geht.

 

Felix – seit dem Montag danach wieder fit

06Sept
2013

Sabai, Sabai. Ich will es ruhig angehen.

 

Schon als ich das Team Quest Gelände zum Nachmittagstraining betrete, sagt mir eine Stimme tief in meinem Inneren, dass sich die Konstellation die sich mir da bietet, wohl schlecht mit meinem Vorhaben "es erstmal ruhig angehen zu lassen" vertragen wird. Natürlich habe ich mich an die "erstmal nur ein Training am Tag Regel" gehalten, aber ich hätte den Morgen des nächsten Tages wahrscheinlich auch nicht mehr erblickt, hätte ich sie gebrochen: Zum Training bereitet sich ein Amerikaner, ein jugendlicher Thai (dessen Kampfrekord ich lieber nicht wissen möchte) und meine Wenigkeit vor. Soweit so gut, so kann sich der Trainer besser auf jeden Einzelnen konzentrieren... wären da nicht vier von ihnen.

Vier Trainer auf drei Schüler. Das klingt erstmal nach dem Paradies, wer wünscht sich solche Verhältnisse nicht auch in Deutschland? Leider hat ein Überhang an Personal auf der falschen Seite die Tendenz, dass sich dieses langweilt, unterfordert ist. Und wer schon mal einen unterforderten Trainer erlebt hat, weiß was ich meine: Die Langeweile will vertrieben werden und so neigen diese dazu neue Drills auszuprobieren, die Schüler zur eigenen Ermunterung besonders energisch zu motivieren oder das mit dem korrekten Liegestütze zählen nicht ganz so ernst zu nehmen. Da werden aus 30 schonmal 40. Oder 50?

Doch mein Bewusstsein schubst und stößt das kleine Männchen namens Unterbewusstsein energisch wieder in seine Ecke zurück und setzt statt dessen eine Hand voll überzeugungskräftiger Endorphine frei: "Das wird ein gutes Training. Technisch sehr wertvoll. Du hast dich gut ausgeruht, seit dem letzten Training sind über 30 Stunden vergangen. Du bist fit!".

Es hat gar nicht so Unrecht. Ich habe die Nacht das erste Mal seit meiner Ankuft richtig gut geschlafen, der Jetlag scheint überwunden. Das Training nimmt einen guten Lauf, auf Anhieb stehe ich die drei Runden Padwork durch – ohne Sternchen sehen, ohne Kreislaufturbulenzen. Meinen Rücken perlt Glück hinunter, von meiner Stirn tropft es Zufriedenheit. Während der junge Thai sich Runde vier an den Pratzen gönnt, genieße ich eine 1:1 Sidekick Technikeinheit und werde zum Üben an den Sandsack geschickt.

"How many?" - "nueng-rawy" (100) entgegne ich, als ich vom inzwischen glänzend nassen Sandsack ablasse – "Fine". Es kehrt Ruhe ein, ich atme mich runter, trinke etwas, lockere meine Beine, Hülle meinen Nacken in einen Teppich aus eiskaltem Nass. Die Trainingsatmosphäre entspannt sich, ein Blick auf die Uhr bestätigt das: 2 Stunden seit Beginn. Das Trainig ist vorüber. Doch die Ruhe hält nicht lange an, als der junge Kämpfer beginnt ein Trommelfeuer Kicks in die Pratzen zu entlassen: 50 links, 50 rechts. An sich nichts ungewöhnliches, die Wettkämpfer genossen auch letztes Jahr in der Regel Extraaufmerksamkeiten nach offiziellem Trainingsende.

Während ich mich noch wundere wohin denn der Amerikaner verschwunden ist, werde ich freundlich zu einer Runde an den Pads eingeladen. Hier könnte ich jetzt vielleicht misstrauisch werden, aber das Unterbewusstsein (oder der Verstand?) ist vom hoch schlagendem Sportlerherz und von dadurch umso schneller durch die Blutbahn rasendem Dopamin längst irgendwo in die Hirnaußenrinde verbannt.

Mit einem "Kannst du das auch?" Lächeln drückt der Padholder das oberste Ringseil nach unten, ich klettere hinüber, lächel zurück. Er dirigiert mich in eine Ringecke, bringt sich in Position, lehnt sich in die Pratzen deren Unterkante er auf seinem Bauchschild abgelegt hat. "Twenty?", er schaut mich mit hochgezogenen Augenbrauen an... Sportlicher Ehrgeiz lässt einem manchmal keine andere Wahl als "Ja!" zu sagen.

Ich hebe meine Hände in die Deckung, wippe leicht auf den Zehenspitzen von Fuß zu Fuß, bringe mich in die richtige Distanz, schüttel noch einmal mein linkes Bein aus, fokussiere mich auf die Pads und komme zu dem Entschluss, hier beim nächsten Mal weiter zu erzählen...

05Sept
2013

30°C, 82% Luftfeuchtigkeit

Vorsichtig blinzel ich in den schon hellen Morgen hinein, es surrt und klingelt nervtötend irgendwo unter dem Bett. Missmutig drehe ich mich zur Seite und fische nach meinem Handy. Der Wecker verkündet in fröhlichem himmelblau: 06:15 Uhr. Ich reibe mir das Gesicht, setze mich auf, starre etwas abwesend aus dem Fenster. So ganz ohne Jetlag bin ich doch nicht davon gekommen, bevor ich einschlafen konnte lag ich noch lange wach und die Nacht selbst war unruhig, von Traumfetzen und Wachmomenten durchzogen. Was solls - denke ich mir - etwas Sport wird dem Körper helfen sich ein zu norden. Mit einer Kleinigkeit im Magen mache ich mich auf zum ersten Training: Muay Thai.

Joggen, warm-up, Schattenboxen, Boxsackeinheiten, Technikdrills. Bis hier hin alles im Rahmen des Möglichen, doch ich weiß noch vom letzten Jahr was in den ersten paar Trainingseinheiten, wenn der Körper noch nicht aklimatisiert ist, die Hölle ist: Das Pratzentraining.

Dem Training an den Pratzen wird in Thailand eine sehr viel höhere Bedeutung zugemessen als in Europa und ist somit fester Bestandteil nahezu jeder Trainingseinheit. Es ermöglicht dem Kämpfer Techniken mit voller Kraft auszuführen und vom Trainer korrigiert zu werden während er gleichzeitig unter einer wettkampfähnlichen konditionellen Belastung steht...

... mit diesen Hintergedanken kletter ich in den Ring. Vielleicht wird es ja nicht so schlimm wie erwartet, immerhin liegen zwischen meinem letzten Aufenthalt und diesem jetzt schon viel zu schwülen, stickigen Morgen ein ganzes Jahr Training und diverse Wettkämpfe. Man kann sich alles schön reden, es sollte kommen wie erwartet.


Die ersten Tritte klatschen noch krachend in die Pads, die Hände kommen schnell. Ich fühle mich gut, fühle mich fit, es macht mir Spaß endlich wieder hier sein zu dürfen, sich wieder voll auf den Sport zu konzentrieren. "Jab, Jab, Kick" brüllt Nat mich an, ein guter Kick, ein hartes Knie wird mit einem lauten "Ayyy!" belohnt. Ich beginne die Belastung zu spüren, ein erstes Ziehen in den Schultern, doch das ist nichts ungewöhnliches, schnell werfe ich einen Blick auf die Uhr: Es sind schon drei Minuten um. Kick, Punch, Jab, Teep, Jab, Jab "Double-Kick" – "Ayyy" ein lautes Piepen ruft zur Pause.

 

 

Zufrieden und mit in die Hüfte gestützten Armen gehe ich in die Ecke, schnaufe tief durch. Und da schlägt es ein wie ein Hammer: Ein flaues Gefühl im Magen, meine Knie werden weich, ein schwarzes Flackern vor den Augen. Wie eine Ohrfeige wischt es mir das Lächeln aus dem Gesicht, mit verzogener Miene lege ich mich in die Seile, der Schweiß auf Schultern und Brust fühlt sich plötzlich eiskalt an.
Das ist das besonders hinterhältige: Der Körper ist leistungsfähig, die Muskeln, die Sehnen, der Wille, der Leistungsgedanke – alles spielt mit, stellt verfügbare Energien bereit, doch was nicht mit macht ist der Kreislauf bei diesem Klima, wenn man nicht daran gewöhnt ist. Und der beschwert sich erst, wenn er zur Ruhe kommen soll, er Zeit zur Regeneration hat.

Noch 10 Sekunden Pause.

"Fifteeeeen Push Up!" ruft Nat. Stöhnend tue ich wie mir geheißen, durchstehen ist angesagt, ich fühle mich nicht gut. Die nächste Runde gehen wir auf meine Bitte ruhiger an, es ist gerade erst mein dritter Tag in Thailand erkläre ich. "Tired?" entgegnet Nat mit einem Grinsen.

Kraftlos finden meine Schienbeine ihren Weg auf die leuchtend rote Lederoberfläche der Pads, meine Reaktion ist langsam, Nat muss manchmal über deutlich anzeigen was zu tun ist. Meine Lungen füllen sich mit Luft, die sich anfühlt wie die in einer schwedischen Sauna, ich habe jetzt schon keine Lust auf das gleich eintretende Gefühl, wenn das Piepsen ertönt und Nat die Pratzen sinken lässt. Doch auch dieser Moment sollte kommen.

Ich lasse die Fäuste sinken und trabe in die Ringecke. Noch ehe ich angekommen bin erfasst mich eine Übelkeit wie nach einem Tritt in den Magen. Mit Armen und Kopf auf die Ringecke gestützt ringe ich nach Luft, versuche den Schwindel abzuschütteln. Für mich ist hier heute Ende, zumindest mit den Konditionseinheiten und bis ich mich wieder erholt habe.

Während ich mit einer Tasse eiskaltem Wasser am Ringrand sitze und einen besser aklimatisierten Trainingskollegen bei seiner dritten Runde Padwork beobachte, untermauere ich für mich selbst nochmal meinen Beschluss es in den ersten Tagen ruhig angehen zu lassen und nur einmal täglich zu trainieren um die Umgewöhnung angenehmer zu gestalten. Ich glaube egal wie fit man ist, unser Körper ist nicht dazu geschaffen binnen 11 Stunden Flug die Klima- und Zeitzone komplett zu wechseln.

Mit 2 Runden lockerem Sparring und 100 Knien zum Abschluss am Sandsack werde ich zu meinem wohl verdienten Frühstück entlassen.

 

Felix - ziemlich müde

04Sept
2013

Von Hitze und vom Teufel

Kenne ich diese Straße? Irgendwie zu schmal als dass es die Thanon Rama IV sein könnte. Und wo ist die Skytrainstrecke die hier gerade eben noch lang führte? Ich bleibe stehen und werfe einen Blick auf die Uhr: Noch 40 Minuten bis mein Zug fährt, eigentlich genug Zeit, aber Bangkok ist groß – zu groß um gedankenverloren dahin zu spazieren. Außerdem herrscht Feierabendverkehr – zu viel Verkehr um unachtsam zu sein.


Mein Rucksack klebt wie ein fettes, organisches Wesen, das eine Heizung verschluckt haben muss an meinem Rücken, mein Tshirt geht gerade eine Metamorphose mit meiner Haut ein. Ich wische mit erst den Schweiß von der Stirn, dann fahre ich mir über mein rechtes Schienbein. Ein Gefühl wie nasses, ultrafeines Sandpapier: Bangkoks Smog ist nicht so unsichtbar wie man glaubt. Dann mache ich kehrt, biege an der Kreuzung richtig ab, überlege kurz ein Taxi zu nehmen (hier durchaus erschwinglich), verwerfe die Idee ob des stop-and-go der Arbeitsweltheimkehrer wieder, lege einen Schritt zu.
30 Minuten später sitze ich im Zug, lobe mich heimlich für die weise Entscheidung kein Taxi genommen zu haben: Bis zum Bahnhof blieb der grell-pinke, japanische Reisebus mein stetiger Begleiter auf Augenhöhe. Mit Hilfe von Deo, einem frischen T-Shirt und der Klimaanlage, die sich zum Ziel gesetzt zu haben scheint, den gesamten thailändischen Dschungel auf Tundraniveau herunter zu kühlen, werde ich wieder Herr der Lage. Zumindest halbwegs.

 

Es ist 9Uhr morgens, die Zugtüren öffnen sich zischend und klackend am Bahnhof Chiang Mai. Nachdem ich die aufdringlichsten Taxifahrer abgewimmelt habe, fahre ich zu Team Quest; hier werde ich die nächsten Monate trainieren. Einer der beiden Gymbesitzer, Joel empfängt mich herzlich, wir kennen uns schon aus dem letzten Jahr. Insgeheim bereue ich dennoch, dass ich ihn nicht kurz vor der Abreise nochmal kontaktiert habe: Die insgesamt recht unspektakuläre Zugfahrt hätte an Thrill gewonnen, würde er mir nicht erst jetzt eröffnen, dass im letzten Monat ganze 11 Züge auf der Strecke Chiang Mai – Bangkok entgleist sein sollen.

Mit Joels Hilfe ist schnell eine sehr nette und günstige Wohnung, in Spaziergangweite vom Gym entfernt, gemietet. Bleibt mir nur zu hoffen, dass ich nicht meine Seele an den Teufel verkauft habe, als ich den in thailändisch gedruckten Vertrag unterschrieben habe – Joel ist Amerikaner und konnte mich auch nur damit beruhigen, dass es bis jetzt bei keinem Schüler hier Probleme gegeben hat. Immerhin zahlt man hier in bar. Hat was direktes. Was glaubwürdiges. Was ehrliches.

 

Einige Besorgungen gemacht, köstliche Früchte und diverse frisch zubereitete Leckereien genossen (das thailändische Essen verdient irgendwann definitiv einen eigenen Blogeintrag) und der Tag nimmt ein ruhiges Ende.


Felix – gar nicht so gejetlaged wie erwartet

03Sept
2013

Rast am Wegesrand

Wasserfontänen plätschern auf die Oberfläche des Sees, eine leichte Brise kräuselt die Oberfläche, dort schwimmt eine Gruppe dunkel braun gefiederter Enten vorbei, hier wird die, die Mittagssonne reflektierende Fläche mal von einer Fischflosse, mal von der schuppigen Schnauze eines Warans durchstoßen. Raben flattern krächzend aus den Wipfeln knorriger Laubbäume in sich weit über das Ufer beugende Kokospalmen, landen auf den noch grünen Früchten und suchen Schutz im Schatten der langen, wie Fächer ausgestreckten Wedel.

Ein Pärchen hat es sich unweit von mir bequem gemacht, sie lachen und scherzen, genießen die Idylle. Die Mittagshitze hat ihren Zenit überschritten, im Schatten ist es angenehm und ich genieße die Kühle des Rasens. Dieser entpuppt sich bei genauerem Hingucken als eine Fläche aus dickblättrigen , kleinen Pflänzchen die weit robuster sind als heimischer Rasen. Ein langhälsiger, weißer Vogel mit schwarzem, langen Schnabel, wie die Miniaturausgabe eines Flamingos als schwarz-weiß Foto, watet gelassen durch das niedrige Uferwasser. Als sähe er mich gar nicht.

 

Einige Stunden zuvor:                                                                                                      Die ausgefahrenen Reifen des Fliegers VN 601 nehmen krachend Kontakt mit der Landebahn des Flughafens Bangkoks auf. Mich wirft es leicht nach vorne, hinter mir rutscht ein Koffer vom Sitz, mein Sitznachbar, ein englischer Geschäftsmann grinst zu mir herüber als wollte er sagen "That guy still needs some practice!".                                    Ich schäle mich aus meinem Sitz, meine biologische Uhr ist auf 4Uhr morgens eingestellt, Bangkoks Sonne begrüßt mich allerdings mit der Ortszeit entsprechenden Helligkeit: Dienstag Morgen, 10 Uhr. Geschäftiges Treiben auf dem Flughafen. Ich habe eine Gruppe Studenten kennen gelernt, die 3 Wochen in Thailand bleiben werden. Die Sicherheitskontrollen passieren wir gemeinsam. Alle sind übernächtigt aber enthusiastisch.                                                                                                                  Wir sind bereits in Frankfurt ins Gespräch gekommen, fahren schließlich gemeinsam mit der Skytrain in die Stadt. Sie laden mich ein sie heute zu begleiten und erst morgen nach Chiang Mai aufzubrechen. Ich lehne dankend ab, ich bin zu müde für Sightseeing und feiern. In der Nähe des Hauptbahnhofs verabschiede ich mich von ihnen, fahre mit der Metro weiter, kaufe ein Schlafwagenticket für heute Abend nach Chiang Mai, kaufe eine Sim-karte und etwas zu trinken.                                                                                        

Mit dem Plastikbeutel in der Hand trete ich aus der erfrischenden Kühle des 7Eleven (Thailands 24/7 Supermarktkette) auf den von diversem Fein- und Grobstaub verdreckten Bürgersteig an einer der vielen, großen Straßen Bangkoks.                         14 Millionen Einwohner, ungefilterte Abgase, Huperei und hustende Motoren, das ganze in eine schwüle, sengende Mittagshitze gehüllt. Bangkok hat etwas faszinierendes – ich mag Großstädte – aber es ist zu viel. Zu viel von allem: Zu viele Menschen, zu viel Dreck, zu viel Lärm, zu viel Abgase.

Meine zerfledderte, halb aufgeweichte Karte vom letzten Jahr wird ersetzt durch ein neues, laminiertes Exemplar und ich mache mich auf den Weg zu einem Ort der Ruhe. Mitten in der Stadt, aber paradiesisch, DER Erholungsort dieser Megastadt: Der Lumphini Park. Über den Bäumen ragen Wolkenkratzer und Baukräne auf, doch der Ort selbst ist eine Insel Grün und Entspannung. Sogar ruhig ist es hier. Ich verbringe den Rest des Tages hier, bis ich meinen Zug in den Norden nehmen muss.

                         BKK - City / Lumphini Park

 

Felix – müde, aber entspannt; Bangkok Lumphini Park

02Sept
2013

Die Skizze dessen, was hier folgen soll.

Um euch nicht mit langen Reisevorbereitungsposts die Zeit zu stehlen, habe ich mich dazu entschlossen diesen Blog erst einige Stunden vor Reiseantritt zu beginnen. Damit ihr wisst in was ich mich morgen Mittag stürzen werden...

... sind hier die wichtigsten Details über mich und den bevorstehenden Trip:

Es war schon seit Jahren mein Plan nach dem Abi ein Jahr im Ausland zu verbringen, das "Wo" war erstmal nicht so wichtig. Das Bedürfnis nach solch einer Erfahrung wurde mir wahrscheinlich durch meinen Vater in die Wiege gelegt, der selbst als Student mehrere Monate durch den nahen Osten getrampt ist. Auch wenn er nie viel von dieser Zeit erzählt, hat sie ihn sehr geprägt - zumindest habe ich mir das bis heute stark genug eingebildet um es ihm gleich zu tun.

Die Wahl fiel dann überraschend früh und schnell auf Thailand, als ich mit 16 einen neuen Sport ausprobierte und mich Hals über Kopf in diesen verliebte. Ich begann das Thaiboxen und stellte recht schnell fest, dass mich der Weg über diverse Hobbies zu einem Sport geführt hatte der meine Leidenschaft werden könnte. Dabei blieb es nicht, dazu an anderer Stelle mehr, aber der erste Schritt in die richtige Richtung war getan...

                                                       Muay Thai Kampf im Loikroh Boxing Stadium, Chiang Mai - Juli 2012                                                   ... und die Brücke zur Reiselust geschlagen: Muay Thai ist in Thailand Nationalsport und somit ergab es sich letzten Sommer, dass ich eine 4-wöchige Trainingsreise mit 2 Freunden nach Bangkok und Chiang Mai unternahm. Um die Eindrücke dieses Monats in einem einzigen Satz zu komprimieren, ein Zitat aus meinem Reisetagebuch: "Dieser Trip war die beste Entscheidung meines Lebens."

Eben weil mich das Land, die Menschen und die gemachten Erfahrungen so fasziniert haben und es für mich ein Traum ist, mich 24/7 auf nichts als das Training konzentrieren zu müssen habe ich Thailand auch als Ziel meines Auslandsjahrs ausgesucht.

 

Wohin genau es geht und was ich mir noch alles so gedacht habe kommt die Tage, bis hier erstmal genug.

Felix - knapp 13std vor dem Abflug